Social Web: Warum Google der Blogosphäre im Weg steht

Seitdem ich blogge und auch in der Zeit davor beschäftigte ich mich mit Blogs, habe Sie gelesen und die eine oder andere Perle in dem deutschsprachigen Sandstrand der Blogosphäre auch gefunden. Anfang 2012 war ich extremst optimistisch was die mögliche Entwicklung der Blogs im deutschsprachigen Raum angeht. Aber irgendwie kam alles anders. Und das Feindbild ist Google.

Das Jahr 2012 war fast das Jahr der Blogs
Es gab auch recht gute Ansätze: In erster Linie natürlich wieder losgetreten durch Sascha Lobo. So rief er 2012 zum Jahr der Blogs aus. Und im Verlaufe des Jahres sah es von den Ansätzen her auch ganz gut aus. Das Leistungsschutzrecht hat die Debatte losgetreten wie wertvoll überhaupt Blogs in Deutschland sind. Ob man dieses schreiben aus Leidenschaft mit “Qualitätsjournalismus” überhaupt gleichsetzen kann, oder diese neuen und unabhängigen Artikel einfach nur amateurhaft umgesetzt werden.

Für einen Einsteiger in das Thema Blog, ist es zunächst sehr schwer sich zurecht zu finden. Es sind meiner Meinung nach viel zu viele fachspezifische Blogs auf dem Markt die alle um die Aufmerksamkeit von Google buhlen. Aber richtig investigativ recherchierte Themen aus Blogs sind rar gesät und in den meisten Fällen dann auch als intellektuelles Highlight in den Trending Topics auf Twitter oder Google+ zu finden. Wen interessieren schon 10 Punkte Regeln um irgendetwas zu erreichen? Diese Anleitungen sind meistens sehr rudimentär umschrieben und bieten letztlich niemandem Erfolgschancen bis auf den Bloggenden selbst.

Nur 8 Beispiele für eine unendliche Vielfalt deutscher Blogs

Nur 8 Beispiele für eine unendliche Vielfalt deutscher Blogs

Warum existieren also eigentlich so viele spezifische Blogs?
Bei 15-20% aller Blogs die ich bisher kenne und welche auch in ihrem Fach einen gewissen Kreis an regelmäßigen Lesern besitzen, war die Motivation einfach der reine Spaß an dem jeweiligen Thema. Und dann kam eben Google und die Suchmaschinenoptimierung. Mit ganz einfachen Stichworten kann man sofort Blogs zu einem Thema suchen. Zukünftig erstellte Blogs werden auf Nischenthemen abgeklopft aber erscheinen nur in den seltensten Fällen bspw. bei diversen Newsaggregatoren. Aktualität ist verpönt, es wird beharrlich darauf gebaut Themen zu finden die immer gesucht werden, denn diese werden ja gesucht. Der Besucher soll ja nicht kommen weil der Content also die Inhalte so toll sind, sondern weil das Keywording so grandios ist. Auch Google selbst hat diese Schwächen in seinem gigantischen Algorithmus bereits erkannt und versucht dem Keywording mit aktuellen und empfohlenen Artikeln in seinem Ranking entgegenzuwirken.

Durch Affliate Blogs, welche die Suchergebnisse in meinen Augen pervertieren und vor allen Dingen die Besucher von Blogs mit dem Klischee beballern alle Blogger wären geldgeil, wird das Bild der gesamten Blogosphäre verwässert. Aber egal. Insgesamt ist das eine vollkommen andere Geschichte.

Bloggen ist Vertrauenssache
Um was es geht ist Vertrauen, sowohl von den Lesern als auch von den aktiven Bloggern. Bei meiner Zeit in dem Boxedpages Blog habe ich festgestellt, dass ich zwar regelmäßig Randgruppenthemen aufgegriffen habe, diese aber auch eine gewisse Aktualität gehabt hatten. Einfach durch die sich mir bietende Gelegenheit mit alternativen Sichtweisen auf vorhandene gesellschaftliche, technische und netzökonomische Themen einzugehen. Und das Konzept war rein relativ äußerst erfolgreich. Mein persönlicher Fokus war es ja komplexe Themen einfach zu vermitteln. Letztlich bringt es ja niemandem was wenn man mit hochgestochenen Fachbegriffen um sich wirft und nur ein kleiner Bruchteil der potentiellen Leser überhaupt folgen kann. Ich durfte mir bisher deswegen auch alles mögliche anhören: Vom pseudointellektuellen Dummschwätzer bis hin zu dem Typen der populistische Kackscheiße wie die BILD veröffentlicht. Und trotzdem waren die Reaktionen überwiegend positiv. Denn ich habe mir die Zielgruppe gesucht bei der ich wusste, dass sie von gewissen Themen betroffen ist, der Eingang in die eigentliche Materie jedoch zu komplex ist, um sich überhaupt damit zu beschäftigen. Und trotzdem hat es eben jeder verstanden. Hier im Blog mache ich übrigens nichts anderes und trotzdem werden Themen behandelt die erst eine gewisse Vorkenntnis benötigen.

Jetzt fehlt also nur noch die Tendenz zur Aktualität und weniger Selbstvermarktung um der Blogosphäre in Deutschland zu ähnlichem Glanz zu verhelfen wie in den USA. Und wir sind auf einem guten Weg. Mittlerweile wird selbst mit Namensangabe innerhalb von Onlineartikeln großer Zeitungen auf Blogs verlinkt. Zwar noch nicht regelmäßig aber die langsam zeichnet sich ein deutliche Trend zur Verlinkung ab. Vor 2 Jahren war dies noch undenkbar. Teilweise wurden komplette Artikel und andere Inhalte von den Blogs übernommen und mit der extrem nützlichen Quellenangabe “Internet” versehen. D.h. auch in der Presse wird die Akzeptanz langsam aber sicher größer. Vor allen Dingen weil man feststellt, dass die Blogs unter Umständen auch große Konkurrenten werden könnten, wenn eben wiederum der Zusammenhalt innerhalb der Blogosphäre entsprechend funktioniert.

Aber bis dahin ist der Weg lang. Zunächst sind 90 % aller Blogs in Deutschland Hobbyprojekte von Privatleuten und um erste Erfolge zu sehen ist es klar, dass man darauf abzielt das möglichst viele Leute den Blog aufsuchen. Die andere Frage ist doch wie hoch ist der Preis den es dafür zu zahlen gilt? Popularität vs. eigene Ideologie. Bislang hat eben immer die Popularität gewonnen. Aber das muss nicht sein. Die Leute sind auf der Suche nach alternativen Sichtweisen, innovativen Gedankengängen und neuwertigen Konzepten zu vorhandenen Problematiken. Natürlich kann man weiter machen wie bisher und sich sagen: “Mich interessiert dieser Rotz nicht, ich will hohe Besucherzahlen.”. Die Besucher sind im metaphorischen Sinne jedoch eine Illusion, weil Sie ja nicht an dem Blogger als kreativen Produzenten von Inhalten kennen, sondern in den meisten Fällen die gleichen, schon im englischsprachigenen Raum, durchgekauten Anleitungen und Rezepte (bei Kochblogs) findet, die jeder xbeliebige andere Blog auch bereitstellt. Was fehlt ist Vielfalt. Eine Vielfalt an Themen, differenzierten Meinungen und vor allen Dingen neue Ideen zu aktuellen Ereignissen.

Recherchieren statt reagieren
Die Blogs haben bisher den Vorteil vorgefertigte Pressetexte der DPA nicht zu übernehmen und mit kleinsten Anpassungen zu individualisieren, so wie es derzeit die etablierten Medien machen. Nein die Blogs haben die Möglichkeit Themen und Neuigkeiten unabhängig und differenziert zu betrachten und darüber zu schreiben. Was fehlt ist nicht nur Vielfalt sondern eben auch der Mut sich einfach mal aus dem virtuellen Fenster hinauszulehnen und die jeweiligen Tendenzen bspw. zu dem Nahostkonflikt oder der Entwicklung der nächsten Smartphones abzusehen. Vor allen Dingen die Techblogs hierzulande sind ja immer recht verwundert, wenn Gizmodo im Vorfeld von Entwicklungen spricht welche noch keiner bisher von offizieller Seite bestätigt bekam, diese im Nachhinein aber recht behielten. Das hängt mit Mut und Intention zusammen. Die gleiche Intention welche die Blogger ursprünglich dazu animierte überhaupt einen Blog zu starten. Den gleichen Mut den die Blogger aufbrachten sich gegen die bestehenden Konkurrenten zu behaupten.

Investigativ ist sexy
Welche Themen liest man lieber im Internet? 08/15 Anleitungen und eine Erklärung eines Begriffs oder einen Artikel der auch zum Nachdenken anregt und Hintergrundinformationen beleuchtet? Komplexe Themen sind zwar schwerer zu umschreiben aber in der Wirkung beim Leser nachhaltiger. Was habe ich denn davon wenn der Leser zwar ein bisschen schlauer aus meinen Blog heraus geht, weil er jetzt die 10 besten Tipps um beste Tipps zu schreiben kennt? Mit Deinen Artikeln kannst Du als Blogger Leben verändern. Investigativ ein Thema über Wochen verfolgen, Hintergründe recherchieren und den Artikel so einfach ausarbeiten wie man möchte und nicht wie es bspw. irgendwelche Dozenten an einer Universität wollten.

Der größte Feind der Blogosphäre ist blinder Aktionismus
Was ist blinder Aktionismus überhaupt? Ich habe da sogar ein ganz gutes Beispiel. Nehmen wir doch einfach mal Twitter und mich. Wie man es sich denken kann, werde ich erst mal extremst schräg angeguckt bei den Neuankömmlingen meiner Timeline und Tweets. Anstatt dann aber überhaupt meine Tweets anzuschauen gibt es eben den einen oder anderen Tweeter der mich direkt blockiert. Innerhalb von nicht einmal 5 Sekunden. Immerhin steht Rassist in meinem Namen, also muss da ja eine direkte Verbindung zu Nazis bestehen. Anstatt sich in erster Linie mit meinem Profil zu beschäftigen schaltet man direkt die Scheuklappen hoch und macht dicht.
Diese Einstellung erlebt man selbstverständlich verstärkt auf Twitter. Aber eben auch in Blogs. Es ist doch so ein bisschen wie mit dem Auto fahren: Wütend ist nicht. Wenn man emotional überladen versucht einen Artikel zu schreiben, sollte man immer erstmal einen neutralen Fokus finden um sich dem Thema und den jeweiligen Aspekten behutsam zu nähern. Und vor allen Dingen beruhigen, um sich selbst und seine Leser vor eventuell zu heftig geäußerten Aussagen zu schützen.

Fazit: Weg vom Google optimieren – Hin zu eigenen Inhalten
Ich denke mittlerweile die Blogosphäre kann in jedem Fall noch Ihre Renaissance erleben. Was fehlt ist wie gesagt Mut, Vielfalt und Innovationskraft. Warum also sich von Google indoktrinieren lassen um hohe Besucherzahlen zu generieren? Die Besucher kommen auch wenn die Themen vermeintlich nicht interessant sind. Und an dieser Stelle ist eben der Bloggende am Zug: Inhalte so gestalten das sie auch jeder versteht und trotzdem noch aktuell sein. Wir befinden uns immer noch im Informationszeitalter weil wir es gewohnt sind Informationen bereit zu stellen, wir sollten uns aber im Innovationszeitalter befinden um Anreize zu Innovationen zu bieten.
Die Zeit der deutschsprachigen Blogs wird kommen, es geht doch nur noch darum wie wir die Zeit bis dorthin gemeinsam gestalten. Und Sascha Lobo kann ebenfalls erneut zum Jahr der Blogs ausrufen.

Ich hoffe der Artikel hat Gefallen gefunden. Wenn ja, dann erzähle doch einfach von Ihm oder teile ihn in den Social Networks. Freue mich über jede Empfehlung und vor allen Dingen Meinungen zu dem aktuellen Stand der Blogosphäre.

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Ich schreibe über das Social Web, Hipsterfitness, Netzpolitik und ab und zu triviales. Wer in mir einen Nazi vermutet ist des Lesens wohl nicht mächtig und sei auf die "Über mich und den Blog" Seite verwiesen.

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