Social Web: Facebooks Home und die mobile Architektur des Socialphones

Hurra! Jetzt haben wir also Facebook Home für Android und damit das erste Social Phone das den User in den Mittelpunkt stellt und nicht Apps und die dezentralisierte und umständliche Verwaltung und Konfiguration dergleichen. Aber ist ein Smartphone mit Facebook Home tatsächlich DAS Socialphone oder einfach nur ein sehr frecher Aufsatz von Seiten Facebooks um die Dominanz im Social Web weiter auszubauen? Abgesehen davon hat Microsoft zumindest in einer Pressemitteilung verlauten lassen, als erstes mit den Windows Phones ein Socialphone entwickelt zu haben. Ich habe leider keines und kenne in meinem Umfeld auch niemanden der mir dies bestätigen kann. Aber na gut lassen wir das mal vorerst so im Raum stehen.

Home ist die Zentralisierung von Facebook
Der Ansatz den Facebook verfolgt, ist tatsächlich der erste wichtige Schritt zum Socialphone wie es Sascha Lobo in seiner neuesten Kolumne in Spiegel Online beschreibt. Aber es ist zu dominant um es letztlich effektiv nutzen zu können. Der Nutzer mag zwar von der Entwicklung her ein kleines Stück in den Fokus gerückt worden sein, tatsächlich hat ihn Facebook allerdings aus den Augen verloren. Es gibt keine Hardcore-Facebook Nutzer. Zumindest nicht mehr in dem Ausmaß wie es noch vor ca. 1 Jahr der Fall war. Der Nutzer wandert, immer mehr und mehr. Von Social Network zu Social Network. Facebook hat zwar eine ganze Reihe von sehr interessanten Anschaffungen gemacht, kann diese jedoch nicht voll beanspruchen, weil das Spektrum einfach viel zu breit ist. Die Unternehmen von Morgen stehen schon in den Startlöchern und werden den Markt mit immer neuen Ideen und Publikationsmöglichkeiten überraschen. Facebook versucht jetzt im Moment eine sehr dominante Stellung aufzubauen. Denn Facebook ist zwar groß, aber nicht allgegenwärtig. Wie Caschy und viele andere schon schreiben, ist die App zwar gut nutzbar jedoch letztlich nichts für den täglichen Gebrauch. Und warum? Erstens weil selbstverständlich Facebook interne Apps bevorzugt werden und zweitens weil alle anderen Social Networks und Apps in einem eigenen Menü eingepfercht sind und damit hermetisch abgeschottet von der neuen Home-Welt. Der Nutzer befindet sich also gar nicht im Fokus sondern in diesem Moment und dieser dominierenden Position eben Facebook. Dabei hätte man im speziellen aus Android so viel mehr machen können.

Facebook Home ist am Ziel vorbeigeschossen

Facebook Home ist am Ziel vorbeigeschossen

Wie die anderen es versuchen
Der Ansatz den Microsoft wahrscheinlich meinte mit „wir haben als erstes den User in den Mittelpunkt gestellt“ stimmt in gewissem Maße. Man hat es geschafft die von Lobo beschriebene permanent aktualisierte Individualität des digitalen Ichs mit ständig wechselnden Inhalten tatsächlich zu erreichen. Durch einfache Apps die im Windows 8 Stil alle wichtigen Informationen in den Live Tiles einblenden. Dies ist weitaus sozialer als so manches Widget für Android und vor allen Dingen das iPhones welches ja lediglich Statusmeldungen schön hintereinander aufgereiht dargestellt hat.
Man kann zumindest munkeln, dass aufgrund der Nähe und der vergangenen Zusammenarbeit von Facebook und Apple, eine ähnliche Entwicklung für iOS7 zu erwarten sein könnte. Allerdings ist die Frage groß ob sich Apple von einem indirekten Rivalen in Sachen Benutzererlebnis so sehr dominieren lässt, dass man auch in der Architektur mehrere Lücken in dem durch Virtualisierung recht sicheren System zulässt. Die Konsequenz wären entweder ein verbuggtes iOS oder eine komplett verdrehte Nutzererfahrung. Für den Applekunden wäre dies auf jeden Fall sehr verwirrend, so hat man bei der Entwicklung der letzten OSX Versionen doch auf ein einheitliches Layout geachtet.

Warum wir wirklich ein Socialphone brauchen
Wenn man jetzt jedoch mal vergleicht sieht man woran es überall hapert:  Es ist nicht immer möglich alle Inhalte die man sieht auch mit jedem zu teilen. Es ist nicht möglich untereinander mit den verschiedenen Apps und damit auch den dort integrierten sozialen Funktionen zu interagieren. Wir können nur irgendwelche Zahlen darstellen und dann recht differenziert an ein paar Netzwerke verteilen, aber eben nicht an alle. Für die mobile Nutzererfahrung muss das Teilen und interagieren für alles und jeden möglich sein. Dieser Mehrwert kann nur in der Architektur der Smartphone Betriebssysteme bewältigt werden. Somit hat Facebook im Grunde einen Anreiz (zumindest mir) gegeben sich zu überlegen wie denn tatsächlich ein Socialphone aussehen könnte.

Das Social Web lebt von Individualität und vielen verschiedenen Netzwerken und Blogs
Diese Aussage müssen wir verinnerlichen. Denn nur so ist es auch möglich tatsächlich „social“ zu interagieren und sich auch so zu fühlen. Der Ansatz mit der künstlichen Fragmentierung in Netzwerken mit Listen, Kreisen und Gruppen ist zwar schön und gut, immerhin will man ja wissen mit wem man was teilt und nicht die kompletten Statusupdates jedem zur Verfügung stellen.
Facebook Home ist dementsprechend nicht unbedingt so wie bei MobileGeeks beschrieben, ein heftiger Rückschritt. Man muss ja nicht lange überlegen um zu erkennen das Facebook versucht lediglich die über Jahre geschaffene Filterblase jetzt eben auch mobil und endgültig über den Nutzer zu stülpen.
Vom Ansatz her ist mit dieser Idee weitaus mehr möglich. Aber eben nicht so restriktiv wie dies jetzt von Facebook umgesetzt wird.

Ich habe mir in der Vergangenheit ja schon Gedanken zu der Zukunft der sozialen Netzwerke gemacht und habe dort auch die von mir schon relativ häufig erwähnten Konnektoren angesprochen. Und jetzt versuche ich einfach mal zu erklären was ich damit meine und warum diese wesentlich für die Entwicklung des (mobilen) Social Webs sein werden.
Bislang hat jedes Social Network den gleichen Mist gemacht: Eigene App gebaut in einen beliebigen Appstore gestopft und der Nutzer hat das Nachsehen. Man ist gerade unterwegs und hat ein tolles Foto von dem Brandenburger Tor gemacht und will das mit einem Schlag mit seinen Netzwerken teilen? Pustekuchen! Man ist gezwungen jeder App explizit das Foto zu geben, hochzuladen und ggf. noch einen spezifischen Text für das Statusupdate finden, weil ja die Mechaniken der einzelnen Netze unterschiedlich sind.

Von Konnektoren und dem digitalen Ich
Und hier kommen die sozialen Konnektoren ins Spiel. Momentan hat im Prinzip die digitale Elite diese ganzen Aggregatoren und Social Media Managing bzw. Community Tools. Alle viel zu aufwändig und aufgebläht und fern von jeglicher Nähe zum ganz normalen Benutzer sozialer Netzwerke der ja lediglich Dinge mit seinen Freunden und Arbeitskollegen teilen möchte. Im Sinne der Nutzererfahrung und vor allen Dingen dem täglichen Umgang mit sozialen Netzwerken, welche ja alle ihre eigenen Vor- und Nachteile haben, sollte es doch möglich sein sich auf einen nutzerfreundlichen Standard zu einigen. Dadurch dass Android immer noch nur ein Teil des großen mobilen Markts ist, ist eine Betriebssystem spezifische Lösung zwar ohne Probleme möglich, für eine hinreichend schnelle globale Implementierung jedoch ineffektiv.
Aber mittels Konnektoren ginge es dann den Nutzer wieder in den Mittelpunkt zu führen. Denn es geht ja lediglich um das Teilen der immer gleichen Dinge: Texte, Audio, Bilder und Videos. Mehr will man ja nicht. Und das eben auch noch mit einer einzigen Wischgeste auf dem Smartphone. Durch diese Konnektoren wäre es auch möglich das gleiche zu implementieren was Facebook Home jetzt schon macht: Wenn man benachrichtigt wird, oder irgendwelche relevanten Dinge in einem beliebigen Social Network geteilt werden, bekommt man diese Information direkt in Vollbild auf den Sperrbildschirm des Smartphones.

Das prozessorientierte digitale Ich
Es ist also nichts hochkomplexes was benötigt wird: Lediglich das auslesen der jeweiligen Timeline, Chronik oder Pinnwand und natürlich das schreiben in diese. Und ja ich weiß, es gibt bei Twitter bspw. die Möglichkeit Tweets auch als Facebook Statusupdate zu veröffentlichen, aber das ist eben nicht der Weg den wir gehen sollten. Denn letztlich wird der Nutzer ja wieder übergangen und vor ihm das Social Network, in diesem Fall eben Twitter, in den Mittelpunkt gestellt. Die Abbildung des digitalen Ichs muss also auch tatsächlich abgebildet werden. Der Prozess wie ein Mensch sich seiner Welt mitteilt muss präziser abgebildet werden.

Man kann sich sein digitales Ich vorstellen wie eine Rede auf einer Party. Gehen wir einfach mal von 100 Zuschauern aus. Das sind alles Freunde von Facebook, Follower von Twitter und ein paar Kreislinge von Google+. Wenn man jetzt kurz die Aufmerksamkeit von allen haben möchte, muss man derzeit die einzelnen Gruppen direkt ansprechen. Dabei stehen doch alle in dem gleichen Raum. Über die Grenzen der Social Networks hinweg muss es also möglich sein, sich wirklich mit allen zu unterhalten. Dies verdeutlicht hoffentlich ganz gut, warum unser digitales Ich im Moment noch so stark verzerrt ist.

Der Nutzer wird also wieder in den endgültigen Mittelpunkt gerückt, ganz so wie es sein soll. Das digitale Ich wird akkurater abgebildet und kommt somit auch den Werbetreibenden auf den Social Networks zu Gute. Wir haben an dieser Stelle dann also wieder eine Win-Win-Situation und zwar für alle. Und sind dem Socialphone damit schon wieder ein gutes Stück näher.

Ich hoffe der Artikel hat Dir gefallen. Wie immer freue ich mich auf deine Meinung und vor allen Dingen was Du von Facebook Home und dem derzeitigen Stand des digitalen Ichs hältst. Auch auf weitere Anregungen im Sinne der von mir erwähnten Konnektoren würde ich mich freuen. Und natürlich wenn Du diesen Artikel auch noch anderen überlässt. Also wie immer: Lesen, Teilen und Empfehlen.

Update: Ich habe den Artikel auch vertont und auf YouTube für Euch näher gebracht. Also nur falls es Verständnisprobleme geben sollte.

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Ich schreibe über das Social Web, Hipsterfitness, Netzpolitik und ab und zu triviales. Wer in mir einen Nazi vermutet ist des Lesens wohl nicht mächtig und sei auf die "Über mich und den Blog" Seite verwiesen.

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