Deutschlands Blogger: Ambitioniert oder zum Scheitern verurteilt?

Ein insgesamt sehr ambitioniertes Projekt ging am Wochenende auf Facebook an den Start: Deutschlands Blogger. Initiiert auf Twitter durch @danielrehn und @Luca, sollten die Verknüpfungen untereinander in Deutschland zwischen den BloggerInnen visualisiert werden. Innerhalb von 48 Stunden haben sich rund 2000 Willige gefunden um der Gruppe auf Facebook (die derzeitige Datenbasis) beizutreten. Aber irgendwie will nicht alles so funktionieren. Es ächzt und kracht an allen Ecken und Enden, denn irgendwie weiß keiner so richtig was das bringen soll. Und Blogger ohne Facebook werden direkt ausgeschlossen. Woran es hapert und was man daran besser machen kann erläutere ich in den folgenden Zeilen.

Zunächst einmal: Es ist sehr eindrucksvoll was hier geschehen ist. Von dem Grundgedanken die jeweiligen persönlichen Verknüpfungen unter den Bloggern aus Deutschland zu visualisieren, bis hin zur derzeitigen Visualisierung ist mehr als beeindruckend. Man hat es geschafft in kürzester Zeit einen Großteil der in Deutschland derzeit aktiven Blogger zu motivieren, sich in eine formelle große Liste einzutragen. Aus jenem Grunde ist das mediale Echo sowohl in den Blogs als auch in den etablierten Medien schon nach kurzer Zeit vorhanden gewesen.

Wie Deutschlands Blogger funktioniert
Bedauerlich musste es ausgerechnet Facebook sein. Natürlich bietet sich der Social Graph und die von Facebook dargebotene API des OpenGraph ja geradezu an, aber von Anfang an werden viele Blogger direkt ausgeschlossen. Sprich unter dem derzeitigen Ansatz, ist davon auszugehen dass die auf Facebook gewonnenen Daten wertlos sind. Und dies aus mehreren Gründen. Denn: Es wird nur gezählt wer derzeit in der Gruppe ist, und in irgendeiner Form mit Bloggern in der Gruppe befreundet ist. Ja klar, alle anderen Gruppenmitglieder werden auch gezählt, aber wenn bspw. die Friendslist verdeckt ist oder man einfach nicht mit einem anderen Blogger befreundet ist, endet man als einsamer kleiner Punkt im Graph Explorer.

Kloutalicious
Die Konsequenzen sind also jetzt schon ohne Umschweife absehbar. Um einen vermeintlichen großen Punkt im visualisierten Graph zu etablieren muss man lediglich mit möglichst vielen Freunden die bloggen vernetzt sein. Ein Run auf teils vollkommen unnötige Freundschaftsanfragen innerhalb von Facebook um einen möglichst hohen Score in der Graphik aufzuzeigen, findet genau jetzt und in diesem Moment schon statt. Selbstverständlich für die Affliate-Heinis, bei denen es sowieso eher heißt, schnell viel Geld und Besucher scheffeln. Scheißt doch auf die Inhalte, Hauptsache ich sehe in der Visualisierung aus wie einer der Großen. Und natürlich fühlt man sich extrem stark an Klout erinnert. Hier wird der Kloutscore ja auch teilweise hochgepusht durch Mentions auf Twitter, Likes auf Facebook etc. Die gleichen Reaktionen sind also auch bei dieser Visualisierung zu erwarten. Qualitativ vollkommen minderwertig und insgesamt die gleichen Kinderkrankheiten wie Klout. Und dabei hat man jetzt doch diese riesige Anzahl an Blogs zur Verfügung. Was könnte man damit jetzt aber machen?

Nichts gelernt: Deutschlands Blogger

Nichts gelernt: Deutschlands Blogger auf Facebook

Big Data und was nun?
Viel interessanter wäre doch eine deutschlandweite Bloggermap. Warum? Weil einfach der regionale Kontext in vielen Orten fehlt. Das Hamburg, Berlin, München und Köln untereinander mehr als gut vernetzt sind ist mittlerweile bekannt. Aber wie sieht es mit den anderen Regionen aus? Die Vernetzung untereinander in kleinen Ortsverbänden und auch größeren Städteverbänden wie bspw. der Metropolregion Rhein-Neckar sind gelinde gesagt unterirdisch und werden vom restlichen Web auch gerne ignoriert. Mit dieser Liste an Blogs als Ausgangsbasis könnte man zunächst einmal auf Google+, Facebook, Twitter und Co. auch die plattformunabhängigen Blogs miteinbeziehen. Fefe ist hierbei ein äußerst prominentes Beispiel und verlinkt wird bei ihm auch regelmäßig auf andere Blogs. Wollen wir diese Influencer also wirklich bei einer solchen Visualisierung außen vor lassen?

Von Inhalten und Reputation
Nein. Wir müssen jetzt schon die Direktive ändern. Content ist King ist nicht umsonst eine Lektion die viele Blogger im Laufe der Zeit lernen mussten. Es geht nicht darum möglichst viele Klicks zu generieren sondern seine Leser zu begeistern.
Und vor allen Dingen müssten wir bei einer solchen Visualisierung auch alle anderen Dinge mit einbeziehen. VloggerInnen, PodcasterInnen, und klassische BloggerInnen: Alles wichtige Produzenten von Inhalten. Und glaubt mir, der Aufwand Podcasts zu erstellen ist von der Recherche her mindestens so aufwändig wie einen Blogartikel zu erstellen.

Dadurch dass es eventuell eines Tages die Google+ API zulässt, könnte man sich überlegen die entsprechenden Daten miteinander zu normalisieren, aber selbst dann sind da noch viel zu viele Blogs die außen vor sind. Die einfach gar nichts mit dieser Social Media / Social Web zu tun haben wollen. Blogs haben bislang immer durch Ihre Unabhängigkeit bestochen. Durch diese konsolidierte Form eines visualisierten Blogverzeichnisses (denn mehr ist es im Moment nicht), verlieren die Blogs Ihre Unabhängigkeit die sie ohnehin schon immer nötig hatten.

Blogs auf Facebookniveau
Wenn dieser Trend tatsächlich weitergehen sollte, können wir diese ganzen Blogs direkt auf den Kopf hauen und zukünftige Artikel in Google+, Facebook, Tumblr etc. verfassen. Natürlich geht das da weitaus einfacher. Aber es ist einfach nicht unabhängig, man hat keinerlei Möglichkeit auf Änderungen der jeweiligen Plattform einzugehen, befindet sich ständig innerhalb der Grenzen des jeweiligen Anbieters. Dieser für die Blogosphäre gefährliche Trend zur Infantilisierung bei welchem nicht mehr Inhalte zählen sondern lediglich Verbindungen, wäre tragisch.

Und gelinde gesagt ist es eine Utopie tatsächlich sämtliche Blogger hervorholen zu können und an diesem Projekt teilhaben zu lassen. Dazu sind alleine schon die Beweggründe zu verschieden. Gewinnen in diesem Projekt würden nur die Affliates. Denn die großen sind schon groß. Und die kleinen sind noch klein. Die Affliate Blogger sind die einzigen die durch ihr wunderbares NLM darauf getrimmt werden, schnell Erfolge und Backlinks zu bauen. Und wie schon erwähnt wurde von diesen ja angekündigt sich zu vernetzen. Wobei vernetzen in explizit diesem Fall der vollkommen falsche Begriff ist. Es geht ja nur um Freundschaften welche visualisiert werden. Nicht um die Inhalte dahinter. Und so ein Netzwerk ist rein relativ schnell aufgebaut. Einmal so groß wie Lobo, Sixtus oder Pallenberg sein? Kein Problem man muss ja nur entsprechend viele Freundschaftsanfragen raushauen.

Wir haben erst mal anderes zu tun
Die Visualisierung ist zwar ein großartiger Gedanke und würde prinzipiell der Blogosphäre zu der lang ersehnten Renaissance verhelfen können, wenn die Datenbasis eben nicht so einseitig wäre. Im Moment ist dies nur eine Spielerei. Und als solche sollte dieses Projekt auch behandelt werden. Aber es ist eben eine Datenbasis aus der sich wirklich alles machen lassen würde. Außer die Vernetzung konsistent in sich zu visualisieren. Denn das kann sie nicht. Nicht solange die APIs der jeweiligen Social Networks so einseitig und restriktiv sind und wir keine Ahnung haben wer außer Fefe und Co. noch alles im noch freien Internet schlummert. Gebt also nicht Eure Unabhängigkeit auf, auch wenn es einfacher wäre. Till Westermayer hat es schon richtig formuliert: “Wir müssen einfach mehr werden!” Aber eben unabhängig von den sogenannten sozialen Plattformen. Und dies ist nur möglich wenn wir gemeinsam die Voraussetzungen für einen leichteren Zugang schaffen und nicht einander ausgrenzen.

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Ich schreibe über das Social Web, Hipsterfitness, Netzpolitik und ab und zu triviales. Wer in mir einen Nazi vermutet ist des Lesens wohl nicht mächtig und sei auf die "Über mich und den Blog" Seite verwiesen.

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Comments
  1. Daniel Rehn
  2. Susanne
    • Christian Fein

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