Gesellschaft: Die Konsequenzen des #Aufschreis

Dass die Sexismusdebatte und die sich momentan anbahnende daraus resultierende Neukalibrierung des allgemeinen Gefühls zu normierten Verhaltensweisen, längst überfällig war, ist von einem gesellschaftlichen, mitteleuropäischen Standpunkt betrachtet klar. Es ist einfach zu viel auf einmal vorgefallen. Und nicht einmal Rainer Brüderle kann den thematischen neuen Kontext aufhalten. Bisher sind solche öffentlichen Debatten daran gescheitert, dass jeder Skandal auch eine gewisse Personifizierung miterlebte und sobald die Person dann durch einen Rücktritt oder den Rückschritt aus dem medialen Leben heraus trat, erstarben auch die jeweiligen Stimmen und Positionen dazu. Die wichtige gesellschaftliche Debatte verstummte. Aber wie immer eines nach dem anderen.

Womit hat eigentlich alles angefangen und was ist Feminismus?
Jetzt die gesamte Geschichte des Feminismus aufzurollen wäre etwas langatmig. Aber rein historisch ist Feminismus eine Bewegung welche die Gleichberechtigung von Frauen fördern möchte. In gut situierten und relativ reichen Gesellschaften des Wohlstands hat diese erst die Möglichkeit zu erblühen. Global gesehen ist eine Welle des Feminismus auch angekommen. Gewissermaßen als Kollateraleffekt der Kolonialisierung der damaligen Großmächte, Tourismus, weltweite Erschließung mit Transportmitteln etc. mit langfristigen Konsequenzen. Und Feminismus ist auch nötig. Während es hier in Deutschland noch einigermaßen gepflegt zugeht, war die Tagesordnung in Indien bis vor wenigen Monaten noch eine ganz andere. Gut, sie ist immer noch komplett anders. Aber die ersten Schritte zu einem gleichberechtigtem Handeln und respektieren zeichnen sich langsam aber sicher ab. Und das weltweit. Die Mädchenmannschaft hat dazu mit Sicherheit weitaus mehr Informationen als ich an dieser Stelle.

Zum Vergleich: Sexismus kommt auf 2,7 Millionen Ergebnisse

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Viel wichtiger ist aber momentan was sich über die letzten Monate getan hat. Zum einen war da Ariane Friedrich über deren Fall einer sexuellen Belästigung in Facebook via Nachricht, ich schon mal schrieb. Dann die kürzliche veröffentliche Konfrontation von Rainer Brüderle mit einer Journalistin und die mittlerweile weltbekannte Tragödie der Inderin welche mit Ihrem Freund lediglich nach Hause fahren wollte und letztlich eine Woche später an den Folgen einer schweren Vergewaltigung erlag. Daneben ist mir auch noch die äußerst interessante Diskussionsrunde zur Blogosphäre und Netzlandschaft in Deutschland (Deutschlandradio Wissen: Podcast) aufgefallen, in welcher jetzt erst erkannt wurde, dass man Frauen unterbewusst vom Prozess des gemeinsamen Bloggens ausschließt und die damit verbundene Hoffnung auf eine gemeinsame deutschsprachige Blogosphäre erstirbt.
Mit Sicherheit gab es noch unzählige andere Vorfälle welche den Winter 2012 / 2013 zu einem der turbulentesten aus gesellschaftlicher Sicht machten. Und dann gibt es noch die “altbekannten” Problematiken welche meist zumindest rund 2 Tage in den Medien herumgeistern, wenn es um Themen wie Frauen in Führungspositionen geht oder Frauen und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben oder sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz usw. und so fort. Ich möchte diese Vorfälle hier auch keinesfalls bagatellisieren. Vielmehr möchte ich darauf aufmerksam machen, dass eben diese Situationen mittlerweile zwar gesellschaftlich schon kritisch angesehen werden, aber noch toleriert werden, weil sie eben in der Wahrnehmung als normal empfunden werden.

Selbstverständlich hat dieses Verständnis in erster Linie auch etwas mit der westlichen Lebenskultur zu tun. Den zentralen Punkt der Debatte den wir jetzt erreicht haben und das äußerst wichtige neu definieren von altruistischen Denkweisen, ist momentan komplett neu und vermutlich einmalig in der Menschheitsgeschichte. Aus eben diesem Grunde ist es auch so schwer greifbar machen zu können was denn gerade geschieht. Im Prinzip geht es nämlich gar nicht um Feminismus und Gleichberechtigung unter den Geschlechtern.

Es geht um Toleranz und Respekt. Das sogenannte Minimum an Würde welches jeder Mensch für sich beanspruchen sollen könnte. Aber gesellschaftlich ist dies eben noch nicht angekommen. Wozu brauchen wir denn ein Antidiskriminierungsgesetz um körperlich oder seelisch behinderte Menschen in den 1. Arbeitsmarkt zu bekommen? Wozu brauchen wir Quoten um Unausgeglichenheiten zu vermindern? Und warum braucht es einen Aufschrei um auf sexuelle Belästigung und Diskriminierung von Frauen aufmerksam zu machen?
Ganz einfach: Weil Toleranz und Respekt einfach noch nicht gesellschaftlich angekommen sind. Diskriminierung und Nötigung im Kontext mit Frauen wird als ein natürliches Verhalten gewertet, weil es unsere Kultur zuvor einfach noch nicht anders vermittelt hat. Dieses Verhalten war so natürlich, dass es nicht als Problem angesehen wurde. Jetzt aber hat sich eine neue Generation an Frauen herauskristallisiert, die Anzüglichkeiten nicht mehr als selbstverständlich sehen möchte. Und alles was diese neue Generation möchte ist Gleichberechtigung, Respekt und Toleranz. Kommunikation auf einer Ebene.

Und es geht hier nicht um einen einzelnen Aufschrei. Sondern mittlerweile mehr als 60.000 innerhalb von wenigen Tagen. Daneben wurde noch die Seite Alltagssexismus.de aufgestellt, in welcher immer noch minütlich neue Einträge erscheinen in welcher Frauen beschreiben welchen Situationen sie sich ausgesetzt fühlen. Und es geht hier nicht nur um Sexismus in Reinform. Es geht auch um andere Situationen wie bspw. Vorstellungsgesprächen in welcher Frauen direkt als untauglich abgestempelt werden.

Die Voraussetzungen zu einem Dialog und einer gedanklichen Neustrukturierung im Umgang mit Vorurteilen ist also gegeben und durch die Aktualität derzeit auch ideal. Es geht ja auch darum Respekt, Toleranz und Gleichberechtigung voneinander neu zu erlernen.

Ich hoffe es gibt eine neue Generation von Frauen die aufwächst ohne Angst in alltäglichen Situationen haben zu müssen. – Anonym auf Alltagssexismus

Es wäre schade, wenn diese Gelegenheit jetzt nicht ergriffen werden würde, und wir uns auf mittlerweile 10000 Jahre alten Verhaltensweisen fest beißen würden.

Und was denkt Ihr? Ich würde mich über Kommentare freuen und weil dieser Blog natürlich auch relativ jung ist, auch auf neue Abonnenten. Bspw. via RSS, Facebook, Twitter oder Google+.

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Ich schreibe über das Social Web, Hipsterfitness, Netzpolitik und ab und zu triviales. Wer in mir einen Nazi vermutet ist des Lesens wohl nicht mächtig und sei auf die "Über mich und den Blog" Seite verwiesen.

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  1. sanna werth
  2. Christian

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