Telekom: Das Internet für Reiche kommt

Ihr habts doch bestimmt schon von allen Seiten schreien hören: Die Telekom will als Vorreiter der anderen Provider Eure Leitung im Internet limitieren. Bisher wurde die Nutzung der Internetleitung ja immer über die jeweilige Geschwindigkeit welche man vertraglich gebucht hat geregelt. Jetzt sagt die Telekom allerdings “Wir haben da diese Vielsauger und die machen unsere schöne Infrastruktur kaputt.” Ähem. Nein?

Was uns erzählt wird
Diese winzig kleine Bruchteil von 3% aller Telekomkunden sind ominöse Hacker oder Crackheads welche im Grunde den ganzen Tag damit beschäftigt sind irgendwelche Dinge herunterzuladen und damit das Netz der Telekom zu überlasten. Dann kommt da ja eben noch die ungerechte Verteilung dazu: Wer das Internet weniger nutzt, muss die Mehrnutzung der anderen mitbezahlen. Das darf nicht sein, weil das ja ungerecht ist. Die Limitierung ist also ein Dienst am Menschen und hat unter diesem Aspekt gar nichts mit Technologie oder Verträgen im Backbone zu tun.

Nachdem die Marketingabteilung der Telekom also versucht hat doch alle die schönen positiven Sachen aufzuzählen, musste man natürlich auch ein bisschen einlenken dass man so was ja auch nicht ganz uneigennützig macht. Die Nutzer die nach wie vor Musik streamen möchten, oder ihre Filme On-Demand also auch streamen möchten sollen doch bitte ihren Arsch in die Entertainsparte bewegen. Denn dieses Volumen wird ja auch nicht mitgezählt.

Wie es tatsächlich aussieht
Gut ich habe ja schon versucht alles in ein Video zu packen, aber irgendwie ist es vielleicht doch zu viel an Argumenten die gegen eine Drosselung sprechen. Also fange ich jetzt einfach mal erneut an. Ich gebe Euch dazu erst einmal ein kleines Beispiel:

Eine kleine Metapher zur Drosselung
Fernsehen? Kennt Ihr bestimmt. Funktioniert aber im Prinzip wie die uns bekannten Flatrates im Internet. Nehmen wir jetzt einfach einmal an die Kabelbetreiber würden auch sagen: Ok. Maximal 200 Stunden, alles andere muss dann bezahlt werden, danach gibt es nur noch die Öffentlich rechtlichen Programme. Denn das wäre ja unfair gegenüber den Leuten die nicht Fernsehen gucken.
In just diesem Moment würde aber Information und Kultur bewusst vorenthalten. Dabei hat man doch für die Sender bezahlt die man sehen wollte. Dieses ganze Prinzip soll jetzt also auf den Kopf gestellt werden? Ob jemand jetzt 2 Stunden im Monat oder 500 Stunden Fernsehen schaut ist doch vollkommen egal, denn ausgestrahlt wird immer. Und die Leitungen gehen nicht kaputt weil viele Leute Fernsehen schauen.  Im Falle des Internets würden diese einfach nur langsamer werden. Man hat also Bandbreite gebucht und bekommt diese nicht zur vollen Verfügung gestellt. Im klassischen Sinne der Dienstleistung hat der Vertragspartner, der Provider also, versagt.

Ungedrosselt und frei müssen Informationen sein

Ungedrosselt und frei müssen Informationen sein

Kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe wird vernichtet
Wer es sich also nicht leisten kann, bleibt außen vor. Zwar ist es noch möglich mit diesen paar KBit welche die Telekom nach der erfolgten Drosselung zur Verfügung stellt noch zu surfen, aber auch dies wird enorm erschwert wenn man so oder so doch auf Nachrichtenportalen wie T-Online.de oder N-TV surfen möchte um sich bspw. über neueste Fußballergebnisse oder irgendwelchen Society und Unterhaltungskram anschauen möchte. Das bleibt ja jedem selbst überlassen.
Aber effektiv werden diejenigen geschädigt welche sich es dann in dem Moment nicht leisten können auf ein höheres Volumenpaket der Telekom umzusteigen: Ich spreche von Arbeitslosen, Geringverdienern und Studenten. Auf die Studenten komme ich nachher nochmal zu sprechen. Aber alle diese Gruppen befinden sich bspw. auch auf Jobsuche und dies geht heutzutage eben übers Internet wenn man regional alle Stellen die zur Verfügung stehen sehen möchte. In der IT- und Marketingbranche bspw. werden offene Stellen fast nur noch im Internet bekannt gemacht. ABER mit erheblich mehr Heap. Sprich selbstverständlich sind die Daten welche man jetzt bei einer Jobsuche braucht vom Verbrauch her weitaus höher als vor vielen Jahren.
Sprich es wird nicht nur der Zugang zu Informationen erheblich erschwert sondern auch dafür gesorgt das die sogenannte Unterschicht aus Geringverdienern auch weiterhin Geringverdiener bleibt. Internet als Luxusgut sozusagen.

Kulturelle Teilhabe hört sich immer so beschränkt an, aber auch genau darum geht es. Man kann der Telekom durch Ihre Kooperation mit Spotify schon eine gewisse Nähe zu Facebook aussprechen. Wenn also die Telekom irgendwann mal Partner des blauen Riesen ist, dann ist nur das surfen auf Facebook eben auch kostenfrei und wird nicht in das von der Telekom vorgegebene Volumen eingerechnet. Wer auf Google+ oder Twitter will, wird dann in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit dafür zahlen müssen. Die Telekom bestimmt also wo Du surfen sollst. Und das selbstverständlich nur in den hauseigenen Diensten. Wer sich zukünftig im Netz frei bewegen will so wie wir es jetzt tun um unabhängige Meinungen zu bekommen muss also auch das entsprechende Geld mitbringen. Ein Fünftel aller Deutschen fällt damit also schon raus.

Die Bedingungen für den Wirtschaftsstandort Deutschland werden erheblich erschwert
Bei den eben schon erwähnten Studenten wird es deutlich, zur Recherche für das eigene Studium braucht man Bücher, gute Dozenten und eben auch das Internet. Wenn jetzt dieser Zugang erschwert wird, wird auch für die Studenten das Studium teurer und wer es sich als Student nicht leisten kann wird in seinem Studienfach eben durchfallen. Insbesondere Studenten der Informatik werden es sich in zukünftigen Semestern dann eben extrem schwer haben, wenn es darum geht Programme zu entwickeln oder aufwändigere Recherchen für eine Hausarbeit zu machen.
Und so geht es nicht nur den Studenten: Auch Selbstständige, Arbeitnehmer und Schüler werden Schwierigkeiten bekommen alle nötigen Informationen für Bildung ohne weitere Probleme sich autodidaktisch, also eigenständig, anzueignen. Die Fachkräfte von übermorgen wird sich die Wirtschaft dann also übermorgen nicht mehr in Deutschland suchen sondern fokussiert aus dem Ausland. Ganz einfach weil die Leute dort zu diesem Zeitpunkt auch noch die bessere Bildung genießen. Und dabei sagt sogar unsere Kanzlerin die IT für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist unverzichtbar.

Lustigerweise hat sich der Branchenverband BITKOM positiv über die Drosselung geäußert. Im Normalfall hat es auch meist einen ernsten Hintergrund sobald sich die BITKOM einschaltet und zu irgendetwas ein Statement raushaut. Allerdings hat man in diesem Fall scheinbar nicht weit genug gedacht. Denn die von der BITKOM vertretenen Unternehmen werden genau die sein, die sich in ein paar Jahren von den Folgen der Drosselung kaum mehr erholen können.

Alle weiteren Gründe, warum hier wirklich gegen diese Drosselung vorgegangen werden muss. Sind schon von allen möglichen anderen Seiten und Blogs ausführlichst referiert worden, darum verlinke ich die an dieser Stelle. Ich fasse kurz zusammen:

Wenn alle anderen Provider jetzt mitziehen sollten, bekommen wir alle ein riesengroßes Problem hier in Deutschland. Und das nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich und kulturell. Darum ist es umso wichtiger die entsprechenden Petitionen zu unterzeichnen, Briefe an Abgeordnete zu schicken und eindringlich davor zu warnen uns global gesehen einfach mal 30 Jahre zurück zu werfen. Wir befinden uns im Informationszeitalter und müssen jetzt nicht durch die Telekom das Rad neu erfinden. Wenn sich von Seiten der Telekom nichts ändert muss eben mit den Füßen gewählt werden. Denn von meiner Seite aus sehe ich kein Problem in einem Monat zu einem Provider mit einem freien Netz zu wechseln. Das solltet Ihr auch so sehen.

Teile diesen Artikel mit deinen Freunden um auf die langfristigen einschneidenden Konsequenzen der Drosselung aufmerksam zu machen. Für alle die den Artikel nicht verstanden haben oder einfach noch einmal einen Überblick brauchen um das alles zu hören und ggf. zu sehen, denen empfehle ich mein Video dazu.

Update 27.04.2013
In einer früheren Version des Artikels habe ich das Internet mit dem Kabelfernsehen verglichen und habe auf die Belastung des Netzes in beiden Fällen aufmerksam gemacht. Das war so nicht korrekt. Die Architekturen sind völlig andere. Das Kabelnetz sendet nur in eine Richtung (Broadcast) und das Internet in viele Richtungen (Singlecast, Multicast). Von daher ist die Auslastung des Netzes weitaus höher und hat zumindest diesem Vergleich nicht Stand gehalten. Danke an dieser Stelle auch an den Hinweis der mir über Facebook entgegen gekommen ist.

The following two tabs change content below.
Ich schreibe über das Social Web, Hipsterfitness, Netzpolitik und ab und zu triviales. Wer in mir einen Nazi vermutet ist des Lesens wohl nicht mächtig und sei auf die "Über mich und den Blog" Seite verwiesen.

flattr this!

Comments
  1. KChristoph
    • Christian Fein
  2. KChristoph

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*