Social Web: Werbung? Wir müssen über AdBlock reden!

Für mich hat Montag der 13.05.2013 eigentlich ganz normal angefangen. Kurz auf dem Weg zur Arbeit mal die Nachrichten durchgegangen und schwupps, war da dieser Artikel von Golem.de über das Deaktivieren von AdBlockern. Also habe ich mir das mal angeschaut und konnte letztlich dem Artikel nur voll und ganz zustimmen. Werbung ist unerlässlich, muss aber auf die Seite abgestimmt sein und vor allen Dingen ruhig agieren. Und dann kam da eben im Prinzip der inhaltlich gleiche Artikel noch auf Focus, Spiegel etc. Wobei es bei diesen Onlinemedien eher so ist, das Werbung nur dann relevant ist wenn sie auch möglichst groß ist, blinkt und sich im günstigsten Fall über den ganzen Bildschirm erbricht. Daraus entstand noch eine Folge. Nämlich die ersten Tweets auf Twitter die sich explizit gegen Werbung aussprachen. Aus diversen Gründen. Aber Ihr kennt mich ja: Alles der Reihe nach.

Das Internet ist nicht kostenlos
Um mal mit einem kleinen Vorurteil aufzuräumen. Nichts im Internet ist kostenlos. Das Internet kostet Strom und Hardware, etliche Milliarden Arbeitsstunden für Wartung und Pflege der Webseiten und Inhalte. Und diese Kosten müssen eben gedeckt werden. Entweder durch den Staat, die Internetprovider oder eben durch Werbung. Gefühlt würde ich sagen werden derzeit 80% aller Inhalte im Internet durch Werbung gegenfinanziert auf direktem und indirektem Wege. Darum ist Werbung derzeit für das Internet noch so existentiell.

Werbung im Internet: Segen und Fluch. Aber was kommt dann?

Werbung im Internet: Segen und Fluch. Aber was kommt dann?

Warum die Großen ohne Werbung nicht können
Egal ob Nachrichtenmagazin, Suchmaschine oder soziales Netzwerk: Ohne Werbung gäbe es das alles gar nicht. Außer natürlich man ließe die Nutzer zahlen. Stellt Euch doch einfach mal vor wie paradox es wäre wenn Google plötzlich pro Tag 20 Cent von jedem Nutzer verlangt damit man die Suchmaschine benutzen kann. Oder Facebook würde kostenpflichtig und wirft dafür die ganze Werbung raus und verlangt im Gegenzug dafür von den Nutzern monatlich einen Beitrag von 2 Euro. Die Konsequenz ist ganz einfach: Die Leute würden wegrennen und versuchen woanders unterzukommen. Das Internet verbunden mit Kosten befindet sich gerne in einem Konflikt mit dem durchschnittlichen Nutzer. Und das hat auch nichts mit einem Realitätsverlust zu tun, aber freie Information ist Teilhabe. Und dieser unbewusste Mehrwert eines freien, weil vermeintlichen kostenfreien, Netzes ist sehr viel Wert.

Warum die Kleinen auch gerne Werbung zur Verfügung stellen
Zunächst einmal gibt es da die Affliatenetzwerke die mit 08/15-Inhalten versuchen Besucher auf ihre Seiten zu locken um dort Werbung zu klicken oder Partnerlinks zu nutzen. Weil mir der ganze Humbug da zuwider ist, lassen wir den Affliatekram jetzt einfach mal so für sich stehen. Ihr sollt nur wissen, dass es das auch gibt.
Aber da gibt es eben auch noch investigativ und gut recherchierte Plattformen wie Blogs, Webseiten oder eben irgendwelche Foren und Communities. Und die versuchen sich ja auch selbst zu finanzieren und selbst zu tragen. Das geht eben auch indem man dezente und passende Werbung einblendet. Außerdem finanziert sich dadurch nicht nur die Plattform selbst, sondern es wird auch ein Mehrwert zu dem Projekt geboten wenn er thematisch passt. Außerdem kann sich der Seitenbetreiber im günstigsten Falle sogar zusätzlich etwas leisten um seine Plattform weiter auszubauen. Aber richtig reich wird keiner davon, zum Leben reicht es den wenigsten.

Wie Werbung im Internet sein sollte
Ich mag Werbung. Mittlerweile passen sich die kleinen Fenster auf diversen Seiten und auch in diesem Blog den ungefähren Gewohnheiten meiner Besucher an und ich konnte damit zusätzlich zu meinen Blogs eben auch noch einen Mehrwert bieten. Wenn ich über Google+ schreibe, erscheint bspw. eine Anzeige für Google+. Besser geht es doch gar nicht. Was mir bei Werbung aber wichtig ist und anderen auch, sind folgende Punkte:

  • Werbung muss gut zu den Inhalten auf der Seite passen, wenn nicht dann wirkt das störend
  • Werbung muss deutlich erkennbar sein
  • Werbung muss leise sein: Wer kennt das nicht? “Da kommt doch von irgendwo Musik her, oder? Wo ist die Seite die das spielt?”
  • Werbung sollte maximal 30% der sichtbaren Fläche einnehmen
  • Werbung sollte sich nicht aufdrängen, nur wenn ich will

Wie Werbung im Internet nicht sein sollte

  • Aufdringlich
  • Laut
  • Nervend
  • Ein Popup (oder noch schlimmer: mehrere Popups)
  • Sich über den Inhalt der Seite legen
  • Sich unsichtbar mit schwebenden Elementen über die Seite legen

Datenschutz? Fuck it!
Natürlich gibt es den einen oder anderen der sich an dieser Stelle sagt: “Ja, aber was ist mit dem Datenschutz? Ich will nicht dass man im Internet meine Spuren verfolgen kann, denn meine Daten sind ja wertvoll…”. Da muss ich recht geben. Mit Werbung wird in 90% aller Fälle ein sogenanntes Trackingcookie mit deinem Browser angelegt. Aber das letztenendes ja nur zum Zwecke der Werbung als solches. Es wäre doch Schwachsinn vom Werbenden wenn er dir unpassende Werbung anzeigt oder? Was sollte ich bspw. mit Werbung für Hundefutter? Mangels Hund und gesunder Ernährungsweise käme für mich so etwas nicht infrage. Werbung empfinde ich eben als Mehrwert, solange sie eben dezent und leise ist.

Die werbefreie Alternative: Micropayment
Die Kritik an der völlig überzogenen Selbstdarstellung von Spiegel Online, Focus etc. ist gerechtfertigt. Punkt. Aber was ist mit Web-Projekten die sich in der Regel irgendwie selbst finanzieren wollen oder müssen um nicht direkt an die Geldbörsen der Besucher zu gehen? Die behelfen sich mit Werbung aus oder Micropaymentdiensten wie Flattr. Das größte Problem an Micropayment ist: Die Leute werden aufgefordert zu zahlen. Müssen das natürlich aber nicht machen. Aber eben darum hat sich nur ein relativ kleiner Nutzerkreis im deutschen Web dazu entschieden überhaupt dort zu partizipieren, in dem Glauben an werbefreie Blogs und Webseiten. Am erfolgreichsten mit Flattr ist übrigens die Taz, aber das liegt vermutlich auch nur am Bekanntheitsgrad.

Was AdBlock macht
Die Plattform bzw. das Plugin AdBlock ist quasi mit dem Internet aufgewachsen. Vor 10 Jahren war es durchaus üblich, nach dem ansurfen von einer Webseite 5 Klicks später ein gutes Dutzend schreiender, blinkender Popups um sich herum vorgefunden zu haben. Das war nicht in Ordnung und hat auch Nerven von dem Besucher abverlangt. Jetzt allerdings hat zumindest diese Renaissance der Popups nachgelassen und die Werbung blökt im Extremfall jetzt nur noch in irgendeiner Ecke der Website vor sich hin. Sprich der ursprüngliche Bedarf um Werbung zu blocken ist eigentlich fast nicht mehr vorhanden.
Nun hat man bei AdBlock sich natürlich auch über die Resonanz in den Medien gefreut, aber auch darauf aufmerksam gemacht seit 2 Jahren “von der Community akzeptierte Werbung” einzublenden. Das ist prinzipiell ein guter Ansatz, aber es ist eben alles Interpretationssache. Wenn jemanden ein Textlink als Werbung stört, wird er eben inakzeptabel. AdBlock kann sich von daher also nicht als Kontrollinstanz der Werbung aufstellen. Klar Werbung sollte dezent sein. Aber es ist ja auch Teil des Konsumenten sich für oder gegen die Werbung entscheiden. Die Entscheidung ist sogar weitaus einfach zu fällen, als ein Plugin zu installieren: Ignorieren oder nutzen.

Die Diskussion um Werbung ist dringend notwendig
Wir brauchen Werbung. Sonst gibt es kein kostenfreies Netz. Aber die jetzt aufflammende Debatte zeigt doch auch das wir mit der Präsentation von Werbung nicht immer mit einverstanden sind. Ich kenne niemanden der Werbung klickt und dann automatisch das beworbene Produkt kauft. Entweder muss die Werbung ein Killingfeature beinhalten oder einfach mein Interesse zu einem Thema wecken. Von daher sehe ich persönlich Werbung zwar als Mehrwert, aber nicht als der Limonadenstand bei dem man spontan auf dem nach Hauseweg eine Erfrischung zu sich nimmt.
Darum ist es aber eben auch so wichtig einen Dialog mit den Werbetreibenden zu starten. Wir sind ja gewissermaßen voneinander abhängig. Ohne Werbeeinblendungen kein kostenfreies Netz. Und ohne Werbung bekommt der Werbetreibende eben nichts ab und kann dementsprechend nicht dass Angebot das man gerade besucht hat gegenfinanzieren.
Ja natürlich kann man auch von Micropayment reden. Aber irgendwann später mal. Wenn sich auch Hans Müller aus Musterstadt dazu entschieden hat in Micropaymentmodelle zu investieren. Bis dahin müssen wir uns einfach mit Werbung begnügen.

Werbung ist Verantwortung – Für jeden
Das anschauen bzw. tolerieren von Werbung ist wichtig. Das haben wir bis hierher gelernt. Und auch die Betreiber von Plattformen, Webseiten und Blogs sind dazu aufgerufen, sorgsam dezent und thematisch passend mit Werbung umzugehen. Alles andere vergrault nur Menschen, weil es einfach nervt. Aber wie immer geht das einen Schritt weiter. Wenn wir nicht in der Lage sind für ein kostenfreies Netz ein bisschen Werbung zu ertragen, dann schließen wir automatisch wieder die Ärmsten aus dem Prozess und dem Erlebnis Internet aus. Denn salopp gesagt: Wer am Ende des Monats kein Geld fürs Essen hat, der hat auch kein Geld für Premiumdienste und Micropayment. Dann haben wir auch ein 2-Klassennetz. Da braucht es keine Telekom mit drosselnden Leitungen. Dann ist die Netzneutralität, Barrierefreiheit und Open Access extremst im Arsch. Wenn wir die kompletten Werbenetzwerke ausblenden. Ein Premium-Internet mit Bezahlinhalten und -plattformen ist dann der Preis den wir alle zahlen müssten. Ist es das wirklich wert?

Ich bin gespannt auf deine Meinung. Und würde mich freuen wenn Du dich an dieser äußerst wichtigen Diskussion zum kostenfreien Internet beteiligst. Wie siehst Du die Zukunft der Finanzierung des Internets? Wie hältst Du es mit Werbung? Wenn Dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn doch mit deinen Freunden.

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Ich schreibe über das Social Web, Hipsterfitness, Netzpolitik und ab und zu triviales. Wer in mir einen Nazi vermutet ist des Lesens wohl nicht mächtig und sei auf die "Über mich und den Blog" Seite verwiesen.

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Comments
  1. Herbert
    • Christian Fein
  2. leser000087
  3. sylar_5
  4. rick
  5. Markus Kohler
  6. Mx

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