Social Networks: Warum ist Facebook so schlecht?

Facebook ist doch ab und zu irgendwie doof! Zwar hat man seine ganzen Kontakte beieinander und kann auch immer von überall darauf zugreifen, aber irgendwie geht dort immer mehr provokantes Zeug unter die Leute. Es gibt Islamophobiker, Sexisten, Rechtsextremisten und vor allen Dingen sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr viele vollkommen sinnfreie Statusmitteilungen, Bilder und Videos. Warum ist das aber so massiv bei Facebook und nicht bei Twitter oder Google+? Und vor allen Dingen: Warum verschwinden ab und zu irgendwelche Freunde und Fanpages aus den Neuigkeiten obwohl Du mit denen befreundet bist? Und was sagt das alles über deine Zukunft bei Facebook und dem großen blauen sozialen Netzwerk selbst? Ich habe mich dieser Frage mal angenommen und erkläre wieder einmal alles: Eins nach dem anderen.

Unfassbar: 75% der Nutzer verstehen Umfragen nicht

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Die Geschichte der Likes, lachender Gesichter und Sex
Wann hat das alles eigentlich angefangen? Wir machen eine kleine Reise zurück. Weit zurück und zwar zum Smiley :-) . Mit dem Smiley begann die sehr frühe Emotionalisierung der Inhalte im Web. Man konnte mit diesen sehr schnell klar stellen, was man denn von einer Aussage hält. An sich war das aber recht unkomfortabel. Das erkannten auch die ersten Betreiber von Foren etc. Also hat man Emoticons etabliert. Einen Smiley auf Knopfdruck sozusagen. Insbesondere AOL-Geschädigte (wozu ich mich auch zähle) nutzten diese massiv in Chats und anderen Plattformen um eben ausdrücken zu können ob man etwas witzig, traurig oder sonst wie findet. Allerdings war das immer noch sehr kompliziert. Insbesondere wenn man Bilder, Videos oder irgendwelche Artikel im Internet gefunden hat. Man musste noch umständlich in der Adressleiste des Browsers herumkramen und das alles ins Chatfenster kopieren. Im ungünstigsten Fall konnte das Chatprogramm aber nicht unterscheiden ob das jetzt ein Link oder ein Text ist. So musste der Empfänger also auch wieder die Adresse nehmen in den eigenen Browser kopieren und konnte ihn erst dann anschauen.
Also hat man sich dazu entschieden in erster Linie alles einfacher zu machen als man Facebook erstellt hat. Unter anderem das bewerten von Menschen. Facemash war ja der Vorgänger und basiert auf der Tatsache das einfach jeder Mensch Anerkennung und im besten Falle Sex will. Die Leute sollen einfach alles was sie im Web finden miteinander teilen können und sich auch zeigen können, was oder wer im Internet besonders gut gefällt und was nicht. Der Like-Button war geboren. Auf Facebook wird mittlerweile alles geliked. Babys, Urkunden, “Ich war grad kacken”-Meldungen, Sprüche die man auf Twitter entdeckt hat, Promifotos, Autos, Zimmerpflanzen, Neuralscanner und populistischen Kram der keinen Sinn ergibt. Darunter sind Frauenfeinde, Homophobe, Ultraorthodoxe Christen, Nazis, Antifaschisten, Esoteriker und aller mögliche andere Kram.

Die gute Nachricht
Man kann alles liken: Ob es jetzt einfach Teil eines Ausdrucks ist einfach mitzuteilen dass man sich darüber freut das jemand geheiratet, ein Auto gewonnen, Kind geboren, Prüfung geschafft hat, oder Anteilnahme und Unterstützung in schwierigen Situationen ausdrücken soll. So ein Like kann aufbauen. Das ist auch psychologisch nachgewiesen und im wesentlichen die Basis aller Social Networks. Und es ist schön. Dadurch dass Facebook auch explizit darauf geachtet hat keinen “Gefällt Mir Nicht”-Button zu etablieren ist eine Kultur der Nettigkeiten entstanden. Alle sind vollkommen verdreht und freundlich. Wobei sich dies etwas angeglichen hat. Subjektiv habe ich zumindest das Gefühl das Leute die Facebook nutzen im wesentlichen eher hilfsbereit geworden sind. Und selbstverständlich jammern die Leute lauter. Aber so ist das halt. Vor 10 Jahren ist man von so vielen Gefühlen und Eindrücken aus allen Richtungen wahrscheinlich noch nicht erdrückt worden. Aber das ist normal. Man ist ja Mensch.

Die schlechte Nachricht
Durch diese Like-Geilheit wird auch viel Gesindel angezogen. Und leider kann man eben auch alles liken und mit Freunden teilen. Alles. Also wird nicht groß darüber nachgedacht und bei einem Gang in Facebook über die Beiträge in den Neuigkeiten wird eben auch geliked ohne darüber nachzudenken. Für die Entscheidung ob man den Like-Button drückt benötigen wir mittlerweile übrigens nur 2 Sekunden.  Dadurch liked man eben auch Dinge die andere Menschen tief verletzen oder sogar ausgrenzen. Und durch die neue Angewohnheit von Facebook auch jeden Like der Freunde in den eigenen Neuigkeiten anzuzeigen bekommt man natürlich auch mehr mit, als man eigentlich wissen will. Das Gefühl auf Facebook wird madig. Man distanziert sich von den Freunden indem man sie blockt, oder hält den Kontakt weiter aufrecht muss dafür aber ständig diese Updates erfahren. Man ist ja Mensch. Aber an sich ist das alles noch ein bisschen schlimmer.

Die wirklich schlechte Nachricht
Durch den sogenannten Edgerank, werden Freunde und Seiten ausgeblendet mit denen Du nicht viel zu tun hast. Facebook sortiert für Dich also vor. Durchschnittlich hat jeder von uns ca. 342 Freunde. Das sind feste Bekanntschaften und Familienmitglieder aber auch Begegnungen auf Parties oder irgendwelchen anderen Veranstaltungen. Entfernte Bekannte eben. Allerdings siehst Du von den Leuten auch so gut wie niemanden. Rund 80% der Bekanntschaften die Du auf Facebook hast, werden Dir von Facebook ausgeblendet. Angeblich um Dich nicht zu überfordern. Dein Facebook ist also vorsortiert und wird entsprechend an solchen Stellen zensiert. Was hat das aber mit der Qualität von Facebook zu tun?

Fanpages, Freunde, Reichweite und Du
Von dem Edgerank betroffen bist nicht nur Du, sondern auch die Fanpages und all deine anderen Freunde in Facebook. Jeder bekommt seine eigene vorsortierte Welt. Auch die Fanpages. Um alle zu erreichen muss die Fanpage einen Beitrag bezahlen. Oder Werbung schalten. Es geht um Reichweite. Und das ist paradox. Umso mehr Bekannte oder Fans du hast desto weniger Leute können dich prozentual sehen. Auch bei Dir. Es gibt aber auch eine kostenlose Variante um seine Reichweite zu erhöhen. Viele Likes und viele Kommentare bei deinen Beiträgen. Denn wenn viele auf ein Statusupdate oder ein Bild von Dir reagieren, bekommen es auch viele Leute zu sehen. Also MUSS der Beitrag / das Foto / das Video polarisieren, berühren oder einfach nur aufregen damit genug Kommentare und Likes zusammen kommen.

Wir sind hier ja nicht bei der BILD – oder doch?
Ein Beitrag muss also interessant sein damit er bemerkt wird und damit auch Leute etwas damit machen. Wenn ich jetzt also diesen Artikel (also nur den Text) so auf Facebook posten würde, wären vielleicht 2-3 Freunde dazu bereit ihn zu lesen und vielleicht sogar den einen oder anderen Like zu setzen. Aber viel Text schreckt auch ab. Um nicht Gefahr zu laufen schnell einzuschlafen, wird einfach weiter gescrollt. Das interessiert ja nicht und ist bestimmt nur für Politiker und Studierte. Also erzählt man eine Geschichte, verwendet GROSSBUCHSTABEN oder einfach ein Bild oder ein Video und klemmt dahinter was man zu sagen hat. Oder dort hinein. Die BILD Zeitung arbeitet so schon seit Jahren. Und das schaut man sich eben auch ab. Ob Coca Cola, BMW, Naziseiten oder andere Seiten und Freunde: Jeder versucht es in erster Linie mit Bildern oder möglichst provokanten Aussagen um möglichst viele Likes zu bekommen.

Kennt jeder: Große Statusbeiträge mit Bildern

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Und warum soll Facebook jetzt scheiße sein?
Wegen dem Edgerank. Wir erinnern uns: Wir bekommen nur noch Dinge von Leuten und Fanpages gezeigt mit denen wir oft zu tun haben oder die wir ausführlich kommentieren weil wir sie kritisieren. Das heißt: Neben der vielen Werbung bekommen wir auch viele Meldungen gezeigt die wir gar nicht sehen wollen, weil es da auf der einen Seite bspw. um Tierquälerei geht und auf der anderen Seite um einen Kindergeburtstag. Durch den Edgerank hat sich also der wesentliche Imageschaden bei Facebook etabliert und ist dabei sich langsam auszubreiten. Und wir kennen das ja von Shitstorms und nervigen Spieleanfragen, das ist nach einiger Zeit alles einfach zu viel. Darum ist Facebook in erster Linie langsam und geht in zweiter Linie qualitativ den Bach runter weil ja vermehrt nur Beiträge gezeigt werden die provozieren. Der eine oder andere Nutzer hat sich ja nach Alternativen umgesehen. Nicht nur weil es den Edgerank gibt sondern eben weil dort vermehrt nur noch Müll in den Neuigkeiten auftaucht.

Was machen die anderen Social Networks besser?
Google+, Twitter und Tumblr haben in dieser Hinsicht kein qualitatives Problem. Noch nicht. Während Tumblr gerade versucht die noch relativ jungen Nutzer vom Facebook als dauerhafte Kunden zu gewinnen, haben Google+ und Twitter ganz andere Probleme. Google+ wird nicht verstanden und Twitter erst recht nicht. Dabei kann man auf Twitter und Google+ wirklich alles sehen und hat trotzdem die Wahl wie viel man denn sehen möchte. Durch die Möglichkeit eigenhändig zu filtern, kann man auch weitaus besser auswählen und aussortieren was man denn sehen will. Facebook gibt Dir diese Möglichkeit einfach nicht und allen anderen auch nicht. Die Qualität bei Google+ und Twitter bleibt alles in allem also immer konstant, aber bei Facebook werden eben auch die negativen Beiträge bevorzugt. Und die unwesentlichen auf die nicht reagiert wird, werden ausgeblendet.

Wahrheitsfindung und Du
Ein großes Problem bei Facebook ist auch, dass die Nutzer viel zu unkritisch sind. Nehmen wir doch einfach mal diesen Beitrag den Ramses Hofmann entdeckt hat. Es geht um einen Beitrag in Facebook. Er beginnt folgendermaßen:

Vor ein paar Minuten im TV.

Das war alles. Keine Quellenangabe. Ihr kennt das ja bestimmt von der BILD-Zeitung “Quelle: Internet“. Das ist das gleiche. Nicht welche Sendung, welcher Beitrag, welcher Sender oder welche Uhrzeit. Und jetzt kommen wir wieder zu dem Unterschied zu Twitter und Google+. Hier wird direkt nachgefragt: Wer, wie, was und wo wurde etwas gesagt? Wenn es darauf keine Antwort gibt, kümmert sich darum auch niemand. Du musst also auch kritischer werden mit den Meldungen und Beiträgen die du überall siehst. Meine Lieblinge sind derzeit Kreisdiagramme auf denen irgendein Schwachsinn erklärt wird. Wieder einmal ohne Quelle. Hierzu ein kleines Beispiel. Wenn Du so etwas siehst: Ignorieren oder hinterfragen. Aber auf keinen Fall darauf eingehen.

Was kann Facebook gegen die immer schlechtere Qualität machen?
Das Social Network hat 2 Möglichkeiten: Entweder wird dem Nutzer die Wahl gelassen ob er den Edgerank nutzen will, oder aber es wird geprüft ob nur eher positive als negative Beiträge in den Pinnwänden der Nutzer erscheint. Seit einigen Jahren durchleuchtet Facebook ja auch Eure Nachrichten. Und natürlich sehen die auch wer, wo, was kommentiert oder liked. Von daher wäre es ein leichtes Beiträge zu bewerten und die positiven den negativen vorzustellen. Die Konsequenz daraus wäre allerdings das die Nutzer sich dann erst recht bevormundet fühlen. Aber immerhin kein negatives Gefühl mehr haben wenn sie in Facebook sind.

Und was kannst Du tun?
Renn um dein Leben! Nein ernsthaft. Wir alle kennen das Dilemma. Facebook ist irgendwie Müll und man will ja auch seine ganzen Freunde und Kontakte ja nicht darin stehen lassen. Geht mir genauso. Als müssen wir uns damit arrangieren und hoffen dass Facebook an die Qualität des sozialen Netzwerks denkt. Und uns nach Alternativen umschauen. Google+ zum Beispiel ist recht ähnlich zu Facebook. Und auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, wesentlich einfacher.  Oder Du schaust Dir eben Twitter an. Habe dazu auch mal einen kleinen Einstiegskurs geschrieben. Also nur falls du dich mal umschauen möchtest.

Die Zukunft von Facebook – Sozial ist nur ein Vorwand
Es ist im Grunde egal ob Facebook jetzt versucht stärker auf deinem Smartphone zu erscheinen oder ob die mehr Daten abgreifen. Das hat im Prinzip keine großen Auswirkungen auf das Nutzerverhalten. Durch die Mechanik des Edgeranks hat sich Facebook selbst eine höchst gefährliche Falle gebaut welche nicht mehr dich als Nutzer in den Vordergrund stellt sondern die Inhalte. In der Konsequenz geht es Facebook ja nur darum dich zu motivieren möglichst viele Daten an einem Stück von dir zu bekommen. Aus diesem Grunde werden immer mehr Nutzer abwandern zu anderen sozialen Netzwerken. Schnell geschieht das nicht. Es ist ein schleichender Prozess. Aber vielleicht hört man schon in 5 Jahren nichts mehr von Facebook. Weil der Aufenthalt dort einfach schlecht ist.

Ich hoffe der Artikel hat Dir gefallen und konnte Dir klar machen warum Facebook so unangenehm geworden ist. Ich würde mich freuen wenn Du meine Facebook Seite likest oder wenn Du von einem anderen Social Network wie Twitter, Google+ oder YouTube kommst, einfach mal diesen Blog hier zu abonnieren.

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Ich schreibe über das Social Web, Hipsterfitness, Netzpolitik und ab und zu triviales. Wer in mir einen Nazi vermutet ist des Lesens wohl nicht mächtig und sei auf die "Über mich und den Blog" Seite verwiesen.

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  1. Der Hirntod
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