Social Networks: Facebook – Sex, Fanatismus und Rassismus

Exakt. Ich schreibe wieder einen Facebook Artikel. Und das obwohl vollmundig Facebook Home angekündigt und vorgestellt wurde. Es hat auch den Anschein als mache Facebook momentan alles richtig. Ein bisschen zumindest, denn laut den aktuellen Studien scheint der eine oder andere Nutzer abzuspringen. Also habe ich mir gedacht ich gehe dem ganzen mal auf die Spur und versuche zu erklären was auf Facebook gerade eigentlich alles schief läuft. Und warum es viel wichtiger geworden ist, zu reagieren wenn es wirklich wichtig ist. Aber wie immer: Alles der Reihe nach.

Die Mechaniken hinter Facebook
Die wesentlichste und markanteste Änderung durchlebt derzeit der Facebook Edgerank. Also der Algorithmus welcher sich verantwortlich dafür zeichnet, deinen Newsfeed bzw. deine Pinnwand langsamer oder schneller zu aktualisieren. In der Vergangenheit wurden bis zu 85% aller Postings deiner Freunde nicht angezeigt. Mit dem neu abgestimmten Newsfeed soll es möglich sein, in Echtzeit alle Postings und Meldungen deiner Freunde zu sehen. Der Edgerank ist dann nur noch optional.
Nun hat diese Form der Vorauswahl natürlich vehemente Vorteile: Immerhin sieht man immer was gerade aktuell ist, was am meisten diskutiert wird und was die meisten Likes verursachte. Unabhängig davon ob es jetzt eine normale Statusmeldung, ein Video, ein Foto oder eine Statusänderung wie bspw. eine Heirat ist. Alles andere verschwindet in den Untiefen der Chronik.

Nun gibt es aber von diesen angezeigten Statusupdates gute, neutrale und schlechte Versionen. Neutrale und gute Updates sind selbsterklärend. Mit denen hat niemand ein Problem, weil diese im Sinne der Netiquette sind und auch nicht gegen den guten Geschmack verstoßen. Eventuell ist das sogar eines dieser wirklich erfolgreichen viralen Videos oder interessanten Meldungen.
Und dann gibt es eben noch die negativen Updates: Ein solches Update ist (wie der Name schon andeutet), in erster Linie anstößig. Es ist sexistisch oder rassistisch oder diskriminierend und diffamierend. Natürlich für in den meisten Fällen unbeteiligte Dritte. Der jeweilige Produzent bzw. Teiler dieser Meldung ist sich (nicht zwingend) darüber bewusst, Mitmenschen mit dieser Art von Posting zu verhöhnen und diskriminieren.

Duldung von Rassismus und Sex in dem Netzwerk für 14 Jährige

Sexistische Seiten werden auch hervorgehoben

Sexistische Seiten werden auch hervorgehoben

Es zeichnet sich allerdings ab, dass insbesondere hier in Deutschland speziell im Wahljahr sich sehr skurrile und traurige Bilder innerhalb von Facebook abzeichnen. Facebook versucht letztlich so “cool” vorzugehen wie seine Konkurrenten und das Netzwerk letztlich sich selbst zu überlassen. Wie wir aus dem Fall Domian gelernt haben, sind die Leute in der Administration und dem Support ja aber letztlich auch nur Menschen mit der Gefahr, negative Einflüsse nicht zu erkennen, politisch extremen Positionen Raum zu gewährleisten und auch selbst aktiv verwerfliche Einflüsse zu stärken. Siehe das Vermarkten von Schlagworten. Am Beispiel des Portals “neu.de” wird offensichtlich, wie egal Facebook letztlich die Inhalte und auch das jeweilige Umfeld sind welches sich, wenn auch unterbewusst, auf die Nutzer auswirkt.

Unterstützung von diskriminierenden Inhalten

Facebooks Suche lässt sich auch für Schimpfwörter buchen

Facebooks Suche lässt sich auch für Schimpfwörter buchen

Hier wird Sexismus ganz offensichtlich unterstützt. Bei Eingabe des Wortes “Schlampe” erhält man einen gesponsorten Verweis auf die Facebook-Fanpage von “neu.de“. Facebook erlaubt also das Buchen von diffamierenden und diskriminierenden Suchwörtern. Man schlägt also ganz offen Profit aus der Verrohung des eigenen Netzwerks. Man muss sich nicht einmal länger mit der Wortherkunft des Wortes herumschlagen, der allgemeine Gebrauch des Wortes im deutschsprachigen Raum ist immer im negativen abwertenden Sinne aufzufinden. Unter anderem ist aus eben jenem Grunde ist auch die Nutzerwanderung momentan zu verstehen. Die Nutzer sehnen sich nach Normalität und keinen extremen die zu jederzeit als vollkommen normal verharmlost werden. Facebook scheint es nur noch darauf anzukommen, dass keine Bilder oder Videos pornographischen oder gewaltverherrlichenden Ursprungs veröffentlicht werden. Politische Einstellung, Moral, Werte scheinen dabei vollkommen egal zu sein. Noch vor ca. 2 Jahren würde ich sagen, war Facebook ein Ort an dem man sich wohlfühlte. Mittlerweile kommen zwar jeden Tag neue Features doch die inhaltliche Qualität des Netzwerks nimmt täglich ab.

Nun könnte man natürlich sagen: “Ist doch egal. Lass die Leute Ihr Ding machen und wenn es Dich stört block die einfach.”. Ich sehe das nicht ganz so einfach. Die Problematik ist ja, dass eben die Leute die relativ leicht beeinflussbar sind, für diese verschiedenen Formen extremer Werte und Vorstellungen leichter empfänglich sind. Wir stehen also im Moment an einem Punkt an dem wir uns überlegen sollten was wir eigentlich wollen. Denn mich ekelt es mittlerweile von Tag zu Tag mehr an, Facebook zu besuchen. Und dieser faschistoide, sexistische und extremistische Wahnsinn muss endlich ein Ende haben. Jedes andere Netzwerke beherrscht die Regulierung und Interpretation von gemeldeten anstößigen Inhalten. Und ein milliardenschweres Unternehmen ist dazu nicht in der Lage? Ja. Genau dies ist der Fall.

Facebooks Hilflosigkeit
Man kann sich den Facebook-Support intern vermutlich wie ein großes Ticketsystem vorstellen. Jedes einzelne Ticket ist eine Rückmeldung die entweder ein kleines Skript oder eben ein Mitarbeiter überprüft. Jetzt hat Facebook mehr als 1 Milliarde Nutzer. Die sind natürlich nicht alle auf einmal pro Tag online. Wenn man jetzt aber davon ausgeht dass wenigstens die Hälfte jeden Tag aktiv auf Facebook ist und pro Tag an die 5 Gefällt-Mir Angaben, Kommentare oder Postings von sich gibt. Hat es Facebook bei dieser einfachen Rechnung mit über 2,5 Milliarden Inhalten täglich zu tun, welche auch bei Beanstandung überprüft werden müssen. Das geht einfach nicht automatisiert. Facebook hatte im April des Jahres 2012 rund 3600 Vollzeitbeschäftigte, aufgrund des Börsenganges schätze ich die Zahl der derzeit Beschäftigten auf rund 5000-6000 weltweit. Wenn man dies den Inhalten des sozialen Netzwerks gegenüberstellt und davon ausgeht, dass im Schnitt jedes tausendste Posting beanstandet wird und dies auf eine normale 8 Stunden Beschäftigung pro Tag herunterbricht, hat ein Mitarbeiter im Schnitt über 62 Postings pro Stunde zu bearbeiten. Die Zahlen werden wahrscheinlich weitaus höher liegen und nicht alle Mitarbeiter sind Vollzeit im Support eingespannt sondern am Entwickeln der SDK, der Administration des Netzwerks, der Entwicklung neuer Produkte und Features und und und. Faktisch geht es also gar nicht sich eingehender mit einem Thema zu beschäftigen, wenn der Inhalt des Postings komplexer ist. Dies erklärt wiederum die entstandene Situation mit dem Radiomoderator Domian.

FB produziert Apps gegen Rassismus - Ohne Nutzen

Facebook produziert Apps gegen Rassismus – Ohne Nutzen

Durch den Verkauf explizit sexistischer Schlagworte für die interne Suchmaschine und die explizite Duldung antisemitischer, sexistischer und verrohender Inhalte, hat Facebook ein sehr großes Problem. Es droht wie schon bei den VZ-Netzwerken, der innerliche Kollaps. Um dies zu verhindern, überlässt man die Community entweder sich selbst oder man kämpft effektiv dagegen. Facebook versucht dies unter anderem mit einer populistischen App, die letztlich rein gar nichts bewirkt. Wer will kann sich die “Wir stehen auf”-App mal anschauen und ggf. teilnehmen.

Inhaltliche Grenzthemen
Natürlich gibt es auch Themen die diskutabel und grenzwertig sind. Nehmen wir doch einfach mal diverse Tierschutzorganisationen, die recht oft Bilder mit zerrissenen Tieren, Schlachthöfen oder ähnlichen Dingen zeigen. Nichts gegen die Brisanz welche diese Themen aufgreifen wollen, letztlich Schaden sich die Organisationen selbst, denn als solches will man für dieses Thema sensibilisieren verfehlt aber meiner Meinung nach das Ziel indem man potentiell Interessierte mit diesen Schreckensbildern vergrault. Egal. Das müssen die Organisationen selbst wissen. Aber im speziellen diese Illustrationen sind ein Beispiel für diskussionsbedürftige und provokante Themen. Auf Facebook ist man aber noch nicht so weit. Man überlässt Holocaustleugnern und Sexisten eine Plattform. Eine bezüglich Tierschutz betreffende Fotos startende Diskussion ist unter dem derzeitigen Stand also noch gar nicht möglich und in sehr weiter Ferne.

Zudem gibt es da das kontroverse Thema der Religionen. Ich verlinke jetzt auf nichts. Mir kam es allerdings zu Ohren, das im Islam unter Umständen bei einer sehr strengen Interpretation des Koran das Musik hören als Sünde wahrgenommen wird. Der Grund dafür sollen Konzentration und eine bessere Selbstwahrnehmung sein. Ich habe auch keine Ahnung was genau im Koran steht. Und auch im Christentum gibt es kontroversen. Bspw. an wen soll man glauben? Jesus weil er von den Sünden erlöste oder Gott weil er die Welt erschuf? Dieses Beispiel zeigt allerdings, dass es viele weitere gesellschaftliche Themen gibt über die geredet werden muss. Aber momentan kann man sich mit Themen wie Ethik ja gar nicht befassen. Wie soll das denn gehen wenn ein vollkommen emotionalisiertes Netzwerk mit sich und den Nutzern auf dem Niveau eines Grundschülers unterwegs ist?

Die inhaltliche Qualität lässt spürbar nach
Noch vor 2 Jahren wurden wir zwar überschwemmt mit Spieleeinladungen und Meldungen von Apps. Aber zu eben jenem Zeitpunkt war auch der Umgang miteinander noch recht akzeptabel und es war sogar möglich sich noch gepflegt zu unterhalten. Es war die Zeit ohne aufwändig visualisierte Bilder und Postings. Die Zeit in der die Inhalte auf Facebook tatsächlich noch etwas inhaltlich auszusagen hatten.
Jetzt dominieren nur noch die Lauteren. Denn mittlerweile wurden die Mechaniken von Facebook dermaßen infantilisiert und emotionalisiert. Und es wurde auch kräftig mitgezogen. Letztlich war die Grundbotschaft: Finde ein Foto, dass das Herz berührt und im wesentlichen irgendetwas mit deinem Unternehmen zu tun hat. So wurden eine Zeitlang Hunde, Katzen, Baby und was weiß ich was Fotos von seriösen Unternehmensseiten gepostet und dies nur zu dem Zweck um die Like- und Interaktionsrate zu erhöhen. Natürlich haben sich die extremistischen Fanpage-Betreiber dies abgeschaut. Natürlich brüllen die jetzt mit und stellen sich jetzt mit Tatsachenverdrehung und offener Diffamierung gegen die sogenannten Gutmenschen. Aber es gibt da ja diese Redewendung: Wer laut wird, ist dumm. Nazis zum Beispiel sind zum Glück immer laut. Deswegen erkennt man die ohne Probleme schon von weitem.

Facebook und auch wir müssen zu dem Grundgedanken der Gemeinschaft zurückkehren
Dabei gibt es keinen Grund sich einschüchtern zu lassen. Und noch weniger die Leute wegen entsprechender Postings nicht anzuschreiben. Wenn sich jemand wie ein Arschloch verhält sollte man auch die Kraft haben dies zu sagen. Blockieren nützt nichts. Denn erstens haben die Leute dann schon gewonnen und zweitens habe ich meine Extremisten und Grenzgänger gerne im Überblick. Bei Rassismus, Sexismus und verrohenden Inhalten nutzt es nichts weg zu sehen oder die Dinge zu blockieren. Wir müssen uns stellen. Uns selbst. Dafür einstehen wofür wir stehen. Und wir sind eine Gemeinschaft. Aus eben diesem Grunde sollten wir uns auch wie in einer Gemeinschaft verhalten. Ob jemand religiös, nymphomanisch, normal, fett, behindert, homosexuell, magersüchtig, vegan, ausländische Wurzeln oder eine andere Hautfarbe hat ist doch vollkommen egal. Wir sollten uns wie in einer Gemeinschaft verhalten können. Respekt und Toleranz sind das mindeste. Und nicht wie es Facebook macht und schleichend antisemitische, gewaltverherrlichende, diffamierende und sexistische Inhalte zulassen. Denn Du bist besser als Facebook. Also ist es jetzt mal wieder an der Zeit unsere Stimmen zu erheben.

Speziell bei diesem Thema würde ich mich freuen wenn Du dieses Thema mit deinen Freunden teilst, den Artikel weiterempfiehlst. Auch die Nutzer aller anderen Netzwerke wie Twitter, Google+ sind eingeladen sich dem ganzen anzuschließen. Gegen diese Form der Verrohung müssen wir vorgehen. Und das geht eben nur gemeinsam.

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Ich schreibe über das Social Web, Hipsterfitness, Netzpolitik und ab und zu triviales. Wer in mir einen Nazi vermutet ist des Lesens wohl nicht mächtig und sei auf die "Über mich und den Blog" Seite verwiesen.

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