Medienpädagogik: Reallife-Dokus und Castingshows als Teil medialer Erziehung?

Ihr kennt doch bestimmt alle noch diesen Artikel über die Regulierung der Geburtenrate in Brasilien der National Geographic mittels Daily Soaps a la GZSZ, Unter Uns oder das in meinen Augen schlimmste und zugleich aktuellste Beispiel Köln 50667. In diesem Artikel wurde beschrieben wie in einem Land mit recht konservativer Anschauung durch Institutionen wie die Kirche etc. eine künstliche Geburtenregulierung unmöglich war und man sich dann eben auf unterbewusstem Wege mittels Daily Soaps im Fernsehen ausgeholfen hat.

Nun habe ich aber schon seit längerem diesen Gedanken bzw. diese These dass da unterbewusst doch noch viel mehr passieren muss. Sprich der restliche Artikel ist nur theoretische Natur und soll in keinster Weise die entsprechenden Formate diffamieren oder die erwähnten Produktionsfirmen und Sender schlecht darstellen. Es ist einfach nur eine medienpsychologische Theorie die ich da habe. Aber nun weiter im Text.

Geschichte
Recht auffällig und offensiv haben die Öffentlichen Rundfunk Anstalten neben der reinen Information ja auch einen Erziehungsauftrag. Um die Demoralisierung der Zuschauer also nicht weiter aufkeimen zu lassen, wird viel mit 08/15 Serien gearbeitet, bei denen selbstverständlich in irgendeiner Art von Fokus die monogame Familie mit zwei Kindern dargestellt wird bzw. als verheißungsvolles Glück glorifiziert wird. Abgesehen davon laufen natürlich auch diverse Ratgeber, Fußball und natürlich Nachrichten. Alles in allem also nicht schlimm und vollkommen normal.

Jeder kennt sie, keiner will sie je gesehen haben: Scripted Reality Shows

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Dann in den 80ern ist jedoch das Privatfernsehen hinzugekommen, zwar wurden zu diesem Zeitpunkt schon gängige Sendeformate wie Dallas oder Bonanza aus Übersee übernommen worden aber dieser extreme kapitalistische Ansatz war noch nicht da. Werben um jeden Preis und vor allen Dingen mit innovativen und noch nie dagewesenen Konzepten auffallen. Bis auf die eine oder andere Quiz- und Familienshow kam da eben nichts aus Deutschland. Also haben die ersten Produktionen wie Big Brother oder ähnliches meistens eine direkte Assoziation zu Endemol oder mittlerweile Günther Jauch der ja im Prinzip alle großen Shows von RTL derzeit produziert.
Um nicht weiter ausschweifen zu müssen konzentriere ich mich jetzt im Rest des Artikels auf Formate der RTL Group und der ProSiebenSat.1 Media AG. Ich unterscheide des weiteren mit offensichtlichen Formaten mit vermeintlichem Erziehungsauftrag und nicht offensichtlichen Formaten mit  vermeintlichem Erziehungsauftrag.

Formate mit offensichtlichem Erziehungsauftrag
Zum einen haben wir da The Biggest Loser mit einem meiner Meinung nach offensichtlichen Erziehungsauftrag. Zu Anfang war das Format ebenfalls verschrien weil man sich gesellschaftlich einfach nicht vorstellen konnte, diese adipösen Menschen rennen zu sehen und hat in erster Linie den Stempel “Das ist für mich moralisch nicht vertretbar” aufgedrückt bekommen. Letztlich ist die gesamte Sendung aber eine Win-Win-Win Situation. Zum einen gewinnt natürlich die Produktionsfirma, weil das Format gekauft wurde und ausgestrahlt wird, zum anderen die Dicken die natürlich abnehmen und in letzter Instanz eben der Zuschauer, dem unterbewusst vermittelt wird das er auf seine Ernährung achten sollte und falls er doch ein wenig zu dick ist, motiviert wird vielleicht ein bisschen mehr Sport zu treiben.

“What the fuck?”-Formate mit subliminalem Erziehungsauftrag
Dann gibt es noch die “What the fuck?”-Formate. Also Köln 50677 oder am populärsten Mitten im Leben und Konsorten. Haupteigenschaft dieser Sendungen ist es Menschen in mehr oder minder verhängnisvollen Eingangssituationen vorzustellen und sie innerhalb der jeweiligen Folge eine moralische Wendung erleben zu lassen. Der Ausgang der Folge ist meist drakonischer Natur und endet oftmals vor dem Gericht oder einer ähnlich hochwertigen Instanz. Bspw. ist die Wahrscheinlichkeit 50% dass eine vermeintlich hysterische Frau am Ende der Folge die Scheidung von Ihrem Ehemann erlebt weil sie mit ihrem Verhalten und Äußerungen eben nicht dem gesellschaftlich normalen Bild entsprach.
Natürlich sieht man sich die Sendung an und denkt sich “Was ist das eigentlich für eine kranke Scheiße?”, aber unterbewusst wird ja nichts neues gelernt sondern gestärkt, nämlich der Hang zu der gesellschaftlichen Norm. Offensichtlich und unverblümt werden die Konsequenzen von Kaufrausch, Betrug, Diebstahl und anderen Vergehen dargestellt. Allerdings in einer so naiven Art und Weise, dass man die moralische Botschaft dahinter schon fast nicht mehr sieht.

Und es gab ja auch direkte Vorgänger: Nämlich die Talkshows. Hans Meiser, Vera Int Veen, Andreas Türk, alles direkte Vorgänger. In diesen war die Situation genauso. Man hat moralisierende und demoralisierende Charaktere auf die Bühne gebracht, hat sie miteinander konfrontiert und ist als Zuschauer nach der Diskussion mit dem Gefühl “Ich habe in meinem Leben doch noch alles richtig gemacht.” raus gegangen bzw. hat danach eben abgeschaltet.

Funktionsweise
Im Grunde funktioniert das nach dem Prinzip des “Negs“, weltweit bekannt geworden durch Howard Wollowitz in The Big Bang Theory. Ein Neg ist ein negatives Kompliment, welches bei dem Ziel zuerst eine negative Reaktion hervorruft im Nachhinein aber das Selbstbewusstsein dessen stärkt. Und wie das eben so ist bei einem Kompliment: Man fühlt sich danach gut. Auf dem gleichen Prinzip bauen eben auch die “What the fuck?”-Formate auf. Die erste Reaktion man ist angeekelt und denkt sich “Was für ein Schwachsinn, so ist doch niemand tatsächlich.”. Aber die zweite Reaktion geschieht eben unterbewusst und zwar das freudige Gefühl sich gar nicht so zu verhalten wie diese Idioten in der Sendung. Dadurch dass der Schockmoment und die Frustration über eine dermaßen schlechte Sendung natürlich nachhaltig wirkt, bemerkt man diese Form des Kompliments gar nicht. Ein Moralisierung als Folge weil eben im Nachhinein das Hirn ja mit positiven Komplimenten befeuert wird.

Interessant fand ich im Laufe meiner Recherchen über die jeweiligen Produktionsfirmen auch, dass sich die Sendegruppen von RTL und ProSieben nach außen zwar gegensätzlich und zeitweise auch als Kontrahenten darstellen, die Produktionsfirmen jedoch trotzdem ständig miteinander agieren. Sehen kann man dies bspw. an der Sendung “Mitten im Leben” welche im Laufe der Zeit durch 3 verschiedene Firmen mehr oder weniger durchgereicht wurde bzw. diese auch miteinander an ähnlichen Formaten arbeiten.

Nun ist ja aber letztlich die Frage: Wer macht denn eigentlich so was? Es gibt natürlich diverse Wortmeldungen darüber ob die Redakteure der Scripted Reality Formate eventuell zu tief ins Glas geschaut haben oder einfach mal der Praktikant versucht hat eine abenteuerliche Geschichte zu schreiben. Letztlich denke ich bleibt es sich aber gleich. Denn moralisch beeinflusst wird man ja auch durch andere Sendungen. Der einzige wesentliche Unterschied meiner Meinung nach zwischen den konventionellen Serien und Scripted-Formaten sind die Themen und Akteure die auftauchen. Eine Comedysendung von 20 Minuten pro Folge muss in kurzer Zeit etwas vermitteln können. Meistens geht es um Liebe, Vertrauen und moralische Verfehlungen. In Scripted Reality auch, aber die Akteure wechseln ständig und man hat meistens einen offensichtlichen Protagonisten und einen Antagonisten. Die Wahrscheinlichkeit dass wir uns in naher Zukunft von Scripted Reality verabschieden ist im Gegensatz zu diversen Serien also relativ gering.
Kaum eine Comedyserie kommt über 8 Staffeln hinaus, ganz einfach weil keine Themen mehr vorhanden sind und die Charaktere eben in den meisten Fällen auch keinen sonderlichen Wandel vollziehen können.

Fazit
Selbstverständlich empfinde auch ich die Zurschaustellung der jeweiligen Darsteller als menschenverachtend, aber im Nachhinein muss jeder für sich selbst entscheiden wie wertvoll ihm seine Eigendarstellung ist. Und wenn es eben nur 500 Euro, ein Kamerateam und ein billiges Skript sind.

Wie dem auch sei: Ich finde den Gedanken ganz reizend das Sender wie RTL ja eventuell doch noch ihrem Erziehungsauftrag nachkommen. Selbst wenn es über so schräge Formate geschehen sollte. Einschalten werde ich trotzdem nicht.

Ich hoffe ich konnte mit meiner These ein wenig zum nachdenken anregen und hoffe dass Dir mein Artikel gefallen hat. Wie siehst Du Scripted Reality Formate? Haben diese möglicherweise tatsächlich eine moralisierende Wirkung? Ich bin gespannt auf Deine Antworten und Dein Feedback!

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Ich schreibe über das Social Web, Hipsterfitness, Netzpolitik und ab und zu triviales. Wer in mir einen Nazi vermutet ist des Lesens wohl nicht mächtig und sei auf die "Über mich und den Blog" Seite verwiesen.

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