Google: Stockholm-Syndrom des Social Webs

Nicht nur T3n hat darüber berichtet, dass Google demnächst wohl auch von deutschen Bloggern, Websitebetreibern und anderen Plattformen die Bilder direkt in der Bildersuche zur Verfügung stellt. Sprich der potentielle Besucher bekommt es direkt von Google geliefert und nicht vom Ersteller des Bildes. Und auch sonst sind die Tendenzen die Google in letzter Zeit präsentiert etwas fragwürdig bzw. stark irritierend. Zumindest wenn man sich die Qualität des Social Webs als solches momentan anschaut. Wobei Google ja auch wieder irgendwie helfen will. Aber Ihr kennt mich ja: Eins nach dem anderen.

Ok. Es wäre vollkommen übertrieben an dieser Stelle zu sagen, dass wir alle erpresst werden. Aber zumindest macht das publishen im Internet so langsam keinen Spaß mehr. Darum bringe ich jetzt erst einmal das “Wissen wir doch alle schon”-Argument: Google will Deine Daten! Ja. Genau. Angefangen hat  alles mit Cookies, Trackingcodes und natürlich mittlerweile auch solchen praktischen Diensten wie GMail, Google+, YouTube, Picasa etc. Die Liste ist schier endlos. Als solches dachte man sich natürlich Google beschränkt sich nur darauf. Und dadurch das ich ja bspw. akkurate Suchergebnisse haben möchte muss ich auf diesen Deal eben eingehen. Google hat also geprägt und indexiert was das Zeug hält. Aber dann kam eben schon der erste tendenzielle Umschwung.

Der Google Knowledge Graph. Ich persönlich bin ja froh, dass wir an dieser Stelle momentan wirklich nur rudimentäre Informationen seitliche neben den Suchergebnissen zur Verfügung gestellt bekommen. Aber trotzdem mag dieser erste Schritt dem einen oder anderen Websitebetreiber oder Blogger schon Besucher abgeluchst haben. Allerdings ist es extrem unwahrscheinlich das irgendjemand seinen Auftritt im Internet auf den Knowledge Graph vorher abgestimmt hat. Das wäre vermutlich auch eine recht schwachsinnige Seite die ohnehin niemanden mehr interessiert weil die Daten ja wirklich nur von rudimentärer Bedeutung sind und so oder so überall verfügbar.

Die Seitenvorschau auf Google: Nur die Vorbereitung auf Größeres?

Die Seitenvorschau auf Google: Nur die Vorbereitung auf Größeres?

Jetzt geht Google allerdings noch einen Schritt weiter und degradiert die Contentgeneratoren des Webs zu reinen Produzenten. Und was geschieht mit einem Produzent in Funk und Fernsehen? Man bekommt ihn in der Regel nie zu Gesicht. Was ist passiert? Nun ja. Google fand es für sich und den Suchenden nützlicher wenn dieser die Bilder direkt und ohne Umwege aus der Bildersuche picken kann. Google versteht es als Service die Bilder im Vorfeld direkt zur Verfügung zu stellen, ohne “lästigen” Umweg über die Website des Produzenten. Mit diesem Blog hier könnte mir das vollkommen egal sein, denn ich bin mir bewusst hier nur Bilder minderer Qualität zur Verfügung zu stellen und so viel Aufwand und Geltungsdrang sind mir die 2 Minuten zurechtschneiden von Fotos oder Screenshots nicht wert, dass ich dem ganzen hinterherweinen würde.
Aber jetzt werden die ersten Existenzen bedroht. Es geht um Suchmaschinenoptimierung für Bilder. Das mag dem einen oder anderen nichts sagen, ist aber für einen selbstständigen Fotografen oder Designer essentieller Natur. Denn laut einer Studie gehen bis zu 63% der Besucher verloren. Insbesondere wenn man eben nur Bilder auf seiner Seite zur Verfügung stellt. Und im Falle eines Fotografen kann jeder einzelne Besucher eben auch ein potentiell wertvoller Auftrag sein. Um diesem Problem zu entgehen, bleibt dem Produzenten nur noch eine Möglichkeit: Möglichst schnell irgendeinen Text tippen in Form eines Blogs oder ähnliches um zumindest zu umschreiben, welche Bilder denn auf der Seite zu erwarten sind, um die neuen künstlichen durch Google generierten Verluste zu minimieren.

Gut. Das ist schon mal ein extremes Stück. Aber es geht noch weiter, denn die Strategie von Google ist ja offensichtlich: Man möchte auch Inhalteanbieter werden. Und nicht nur in der mittlerweile 15 jährigen Vermittlerrolle der Suchmaschine bleiben. Jetzt ist es ja aber nur noch ein Frage der Zeit wie lange wird es dauern bis Google offensiv auf die Daten der Websitebetreiber zugreift. Und vor allen Dingen mit welcher lächerlichen Argumentation will man dann den Websitebetreibern einreden, dass es doch nicht schlimm ist deren Informationen direkt in der Suchmaschine zu finden.

Es wäre für Google aus technischer Sicht keinerlei Problem direkt die kompletten Daten von ca. 50% der neueren Websites in den Suchergebnissen darzustellen. Und so gesehen sind wir selbst schuld. Die Betreiber der Websites der letzten 5 Jahre sind alle auf den HTML5, Javascript und CSS-Zug gesprungen. Wem das jetzt zu technisch ist: Es ist prinzipiell kein Problem von Seiten auf deren Basis 1:1 Kopien anzufertigen. Lediglich wenn im Hintergrund auf dem Server noch etwas geschieht, ist es nicht möglich mit der Website etwas anzufangen.
Im Moment wird in der Desktopansicht der Googlesuche nur angedeutet ein Vorschaubild der Websites angezeigt welche in den Ergebnissen auftauchen. Aber von heute auf morgen wäre es ohne Probleme möglich dank mobiler Anpassungen der Websites diese direkt neben den Suchergebnissen anzuzeigen. Der Effekt wäre der gleiche wie bei der neuen Bildersuche: Keine Besucher auf den Websites und Blogs. Aber Inhalte und Werbeeinnahmen für Google.
Ja es mag sich jetzt wie ein Hirngespinst anhören: Aber es ist prinzipiell möglich und wer sich noch erinnern kann, die Bildersuche bei Google hat ebenso angefangen. Zuerst war es nur eine kleine Benutzerfreundliche Anpassung die Bilder geschickter anzuordnen und beim einem wischen mit der Maus ggf. in der Vorschau etwas größer anzuzeigen. Und jetzt werden die Bilder eben direkt in die Bildersuche geladen. Zum Schaden der Produzenten.

Die Besucher haben im Moment noch ihre Vorteile aus den vielfältigen Funktionen und Diensten die Google anbietet. Aber wie lange geht es denn noch bis Google Ansprüche auf die Inhalte der Produzenten erhebt und vor allen Dingen, welches Argument kann Google daran denn noch hindern?

Zum einen kann ich es mir unmöglich vorstellen, dass die Nutzer Google weiterhin vertrauen würden, wenn die mitbekämen wie sehr Google auf den Gesichtern der Produzenten herumtrampelt, zum anderen würde Google aber auch selbst die zunehmende Infantilisierung des Internets wahrnehmen. Denn dann wird nur noch das produziert was Google vornehmlich will: Akkurate, fast schon technisch präzise Ergebnisse. Metaphorische, theoretische oder spaßige Artikel würde es einfach nicht mehr geben. Diese machen das Web aber menschlich.

Die Gesamtqualität des Webs würde also verloren gehen. Zwar hätten wir noch alle unseren schönen Like und Plus-Buttons aber was soll man denn damit wenn wir alle dann irgendwie gleich aussehen? Also auch die Websiten und Bloggern die dann halt einfach komplett auf eine Google+ oder Facebookfanpage umschwenken um die Verluste in Zukunft so gering wie möglich zu halten.

Wo ist dann eigentlich die Motivation noch Inhalte zu erstellen? Esprit und Gemeinnützigkeit? Seien wir doch mal ehrlich. Irgendwo ganz tief in uns drin befindet sich ein kleiner Kapitalist und wenn es nur der Wille zum überleben ist. Ohne Gegenwert wird also niemand etwas machen. Und ich denke nur bei den wenigstens werden ein paar Plusse und Likes reichen um diese zu motivieren auch in Zukunft Inhalte zu erstellen um Menschen zu bewegen. Ob dies jetzt durch Texte, Musik, Videos oder eben Bilder geschieht.

In jedem Falle hängt Googles Damokles Schwert über uns und könnte ohne Probleme jederzeit über uns richten. Oder um es anders auszudrücken: Google ist zwar nett, kann uns aber auch ohne Probleme von heute auf morgen das Leben immens erschweren. Es ist eben wie beim Stockholm-Syndrom: Im Prinzip sind wir schon lange zuvor entführt worden, aber wir haben ständig die Hoffnung dass doch noch alles gut ausgeht. Die Konkurrenten sind zwar nicht so groß, haben letztlich aber das gleiche vor. Es geht hier um die Vereinnahmung des Social Webs. Und was das Web dann eigentlich noch social macht, wenn die Autoren von Inhalten einfach von heute auf morgen vereinnahmt werden.

Wie immer hoffe ich Dir hat dieser Artikel gefallen und hat etwas zum Denken angeregt über die Suchmaschine die schon längst keine mehr ist. Weiterhin freue ich mich natürlich immer wenn Du mich weiterempfiehlst. Ich bin auf Facebook, Google+, Twitter, YouTube und natürlich auch per RSS Feed abonnier-, folg- und kreisbar. Wir sehen uns also.

Update: Weil man sich ja diesen ganzen Sachverhalt enorm schwer vorstellen kann, habe ich mir die Zeit genommen Euch die Gefahren Googles nochmal in YouTube zu erklären.

The following two tabs change content below.
Ich schreibe über das Social Web, Hipsterfitness, Netzpolitik und ab und zu triviales. Wer in mir einen Nazi vermutet ist des Lesens wohl nicht mächtig und sei auf die "Über mich und den Blog" Seite verwiesen.

flattr this!

No Responses

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*