Gesellschaft: Warum es so wichtig ist im Internet übers Internet zu schreiben

Du nutzt also das Internet um übers Internet zu schreiben?“, werde ich oft verständnislos gefragt. Ja und ich würde dies ausdrücklich jedem ans Herz legen. Warum soll man das aber eigentlich machen? Man schreibt in der Regel ja auch keine Bücher in denen es darum geht Bücher zu lesen. Wozu eigentlich dieser Aufstand und vor allen Dingen dieser paradoxe Artikel?

Wir sind mittlerweile an dem Punkt im Internet und dem Social Web angelangt, in dem sich analoge und digitale Realität überschneiden und die Konsequenzen in beiden Welten zu spüren sind. Das Social Web geht mittlerweile weit über das einfache konsumieren von Inhalten hinaus. Auch wenn der Vergleich vielen im Vorfeld schon klar sein sollte: Wenn man daheim beim Fernsehen sitzt und sich lautstark über das schlechte Programm beschwert bekommt es keiner mit. Im Social Web ist jegliche Kritik jedoch auch ein gewisses Schwanken zwischen Beleidigung, Diffamierung, Drohung und selbst ausgeübter Meinung im Sinne der Meinungsfreiheit. Ich persönlich finde den Gedanken sehr schön sich im Internet über mittlerweile sämtliche gesellschaftlich und politisch relevanten Themen austauschen zu können. Es gibt mittlerweile jedoch meiner Meinung nach zu viele Leute welche exakt diesen Punkt noch nicht verstanden haben. Die Gedanken mögen zwar frei sein, aber der Grat zwischen “Du bist ein Arschloch” und “Du bist ein interessanter Diskussionspartner” ist eben auch sehr schmal und ich finde es entsprechend auch gut, dass sich in der Vergangenheit entsprechend erfolgreich dagegen gewehrt worden konnte.

Das Internet ist erwachsen geworden
Auf eine gewisse Art und Weise ist das Internet in seiner jetzigen Form tatsächlich zu frei. Es ist zwar voll von Informationen aber oftmals frei von Verstand. Als Ursache sehe ich immer noch die Art und Weise wie wir das Internet immer noch nutzen. Nämlich wie 1999. Nicht nur Google ist 17 geworden sondern im wesentlichen das Internet in seiner jetzigen Form wie es uns ebenfalls seit rund 20 Jahren bekannt ist. Während das Web in seiner Form von einigen Nerds und Sonderlingen in seinen archetypischen Strukturen und dem Umgang geformt wurde, ist dies mittlerweile vollkommen anders. Die gut situierte bürgerliche Mitte ist mittlerweile im Internet angekommen und wider erwarten der anfänglichen Nerds eben auch Frauen, Politiker und Prominente. Das heißt im günstigsten Falle haben wir jetzt ein 1:1 Abbild der analogen und der digitalen Gesellschaft derzeit im Internet.

Auch Facebook ist ein Grund übers Internet zu schreiben

Auch Facebook ist ein Grund übers Internet zu schreiben

…die Nutzer jedoch noch nicht
Leider sind die Sichtweisen auf die Nutzung des Internets als Informations- und Kommunikationsmedium sehr stark eingeschränkt. Die noch relativ frischen Gruppen der Frauen, Politiker und Prominenten haben eben noch ihre Schwierigkeiten im Internet als vollwertig akzeptiert zu werden. Ich vermute dies liegt immer noch an dem Trugschluss im Internet frei und unbedarft seine Meinung äußern zu dürfen. Trolltum eben. Offensichtlich sieht es so aus als würden die Leute noch Meinungen und Kommentare ohne Hintergedanken äußern. Aber unterbewusst geschieht weitaus mehr.
Durch das alte Verständnis im Internet alles und ohne jegliche Probleme von sich geben zu dürfen hat sich eine Art Metaebene gebildet, welche es im Moment des konsumierens von Catcontent und irgendwelche Statusmeldungen von Mitmenschen, für den Nutzer scheinbar schwer unterscheidbar machen sich vernünftig und gesellschaftlich konform äußern zu können oder sich den Trivialitäten seines Lebens zu ergeben und verbal und geistig einfach abzuschalten. Fremdenfeindliche, sexistische und diffamierende Aussagen sind da dann leider an der Tagesordnung. Insbesondere sehr emotionalisierte Netzwerke wie Facebook oder Wer-Kennt-Wen sind oftmals Nährboden für eben solche Äußerungen. Aber auch in der absoluten Anonymität der Foren und Blogs haben es Kommentatoren mit einer gefälschten Email-Adresse leicht, sich selbst und zu schützen und das potentielle Opfer entsprechend zu diffamieren.

Ein Beispiel zur analogen / digitalen Diskrepanz
In der Realität wäre dies unvorstellbar. Die gleichen Personen welche im Social Web faschistoide oder sexistische Äußerungen lautstark von sich geben, sind in der Regel auch diejenigen welche in der Öffentlichkeit nichts von sich geben. Es wäre skurril und ungewöhnlich auf der Straße jemanden anzusprechen und zu sagen: “Ich finde dich Scheiße, weil Du ein(e) Ausländer / Frau / Politiker / Kaninchen bist.” Von der direkten darauf folgenden Konfrontation mal abgesehen, sieht man an diesem Beispiel das im Web noch einiges schief läuft.
Aus eben diesem Grunde muss aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt werden. Wenn man sich die deutschsprachige Blogosphäre anschaut sieht man auch, dass die Konfrontation mit den anonymen Stimmen aus dem Netz tatsächlich mehr abschreckt als dazu motiviert etwas zu schreiben. Insbesondere Frauen sind davon betroffen. Und dies nicht nur in den Blogs. Insbesondere in Social Networks sind Frauen kaum davor gefeit einen Tag ohne die Aufmerksamkeit von unbekannten Dritten zu erfahren, ob sich dies nun in Flirtversuchen oder Prestalking äußert sei mal dahin gestellt. Aber auf Dauer würde es mir vermutlich auch auf die Nerven gehen wenn ständigst irgendwelche Leute daher kommen und mit jemandem schreiben wollen. Auch bezüglich der sexuellen Belästigung von Kindern hat sich im Internet immer noch nicht viel getan. Die jeweiligen Programme und Initiativen welche von Seiten der Betreiber und politisch Aktiven aufgestellt wurden sind praktisch unwirksam.

Die Forderung nach einer Klarnamenpflicht ist vom gesellschaftlichen Kontext für das Internet unabdingbar. Zwar ist die Entscheidung unter vielen Gesichtspunkten strittig, aber anonyme Räume kann es letztlich ja immer noch geben. Immerhin ist es recht unwahrscheinlich das solch eine Regelung global ausgerollt und umgesetzt werden kann. Aber dies ist nur ein Gedanke und eine Meinung zu dieser Problematik von mir. Nicknamen oder Namenszusätze kann sich ja jeder geben, solange man nachvollziehen kann wie man diesen strafrechtlich belangen kann falls es einfach zu wild wird. Aber dies ist ja nur ein Gedanke und eine von unzähligen Problematiken welche wir derzeit im Internet haben.

Mit diesem Beispiel wollte ich nur aufzeigen, wie groß die Diskrepanz im Moment noch zwischen der Realität und unserem digitalen Selbst ist und was wir neben dem Leistungsschutzrecht, Gleichstellung und mehr Toleranz im Web alles ausdiskutieren müssen. Den Dialog im Internet übers Internet zu pflegen und zu führen ist also mehr als notwendig.

Wie immer hoffe ich der Artikel hat gefallen und ein wenig zum Nachdenken angeregt. Im besten Falle ist das Verständnis für meine Arbeit und die Arbeit von vielen anderen Autoren und Bloggern im Internet gewachsen und der eine oder andere überlegt vielleicht selbst aktiv zu bloggen oder anderweitig zu publizieren. Und ich hoffe auch die Frage ist geklärt, warum es Menschen gibt die im Internet übers Internet schreiben.

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Ich schreibe über das Social Web, Hipsterfitness, Netzpolitik und ab und zu triviales. Wer in mir einen Nazi vermutet ist des Lesens wohl nicht mächtig und sei auf die "Über mich und den Blog" Seite verwiesen.

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